Eine neue Wumpscut-CD ist immer ein Grund zur Freude. Man kann sich darauf verlassen, daß Release für Release Rudy R. Elektro auf allerhöchstem Niveau präsentiert. Genauso ist es auch beim neuesten Output Bone Peeler. Dennoch hat man direkt nach den ersten Durchläufen das Gefühl, daß sich im Gegensatz zu Wreath Of Barbs eine ganze Menge verändert hat. Die ersten Ideen, die einem dabei durch den Kopf gehen sind: Wesentlich weniger Aggressivität. Wesentlich mehr Melodien. Das stimmt allerdings nur bedingt. Es ist zwar eindeutig, daß die Gesamtgeschwindigkeit deutlich heruntergeschraubt worden ist – Songs vom Tempo wie Opening The Gates Of Hell sucht man vergebens. Ebenso eindeutig ist der intensivere Einsatz sphärischer Elektronik und das Reduzieren der rauhen, räudigen Elektronik. Ganz besonders hervorstechend allerdings ist das Gefühl, daß Rudy R. trotz aller Verzerrer und Vocoder anfängt, richtig zu singen. Wurden die Melodielinien auf bisherigen Wumpscut-Outputs vor allen Dingen durch die Musik bestimmt, so gibt es auf Bone Peeler gleich mehrere Songs, die auch bei den Vocals durch Melodien glänzen. Das gibt dem Album einen viel größeren Facettenreichtum. Gleich der Opener Crown Of Thorns ist so ziemlich das Beste, was in dieser Hinsicht seit Jahren aus dem Hause Wumpscut kam, auch And Life Goes On geht in die melodischere Richtung. Scavenger dagegen paßt eher in die ultrafinstere Katogerie wie Stillbirth von Embryodead, ähnlich wie das überlange In The Peace Of Night, welches wie ein Soundtrack zum Weltuntergang klingt. Dazu kommt ein überragendes The March Of The Dead, permanent im minimalistischen Marschrhythmus, hypnotisch, brutal, finster. Abschließen tut das Album Your Last Salute, bei dem eine weibliche Stimme, ganz ähnlich zu Black Death (diesmal allerdings auf spanisch(oder Portugisiesch?!)) ausgepackt wurde. Eine Art experimentell-sphärischer Ausklang für ein großes Album. Wer von Wumpscut besonders die alten Geräuschorgien von Platten wie The Mesner Tracks oder Music for a Slaughtering Tribe mochte, wird Bone Peeler möglicherweise – so schade das wäre – als langweilig in die Ecke werfen. Wer allerdings den anspruchsvollen Elektro von Embryodead mochte, wird an Bone Peeler seine helle Freude haben. Die Tracks sind verspielter als früher (z.B. Fear in your Eyes), man entdeckt immer neue, halb versteckte Samples und Melodien, die das Album so spannend machen. Zusätzlich hat man häufig das Gefühl einer gewissen Verwandschaft von Bone Peeler zu früheren Werken. Zwar ist die Produktion klarer, melodiebetonter, aber gleichzeitig minimalistischer als auf den letzten beiden Alben. So klingt das geniale Rise Again wie ein enger Verwandter von Die In Winter. Sicherlich hat Rudy R. mit Bone Peeler sein Meisterstück abgeliefert. Alles, was Wumpscut jemals gemacht hat, ist in Andeutungen, Querverweisen oder Zitaten auf Bone Peeler vorhanden. Desweiteren sollte man sich unbedingt die limitierte Erstauflage sichern, da dieses 2er Disc-Set eine 14-Track Remix-CD enthält, auf der Genregrößen wie Suicide Commando, Das Ich und sogar Haus Arafna die Originaltracks des Albums mißhandeln durften. Herausgekommen sind größtenteils weitaus rauhere Versionen der Originale. Value for Money vom Allerfeinsten! Außerdem ist es nicht so, daß Wumpscut jetzt plötzlich nur noch sphärischen Kitsch machen würden. Ganz im Gegenteil, die Songs sind mindestens ebenso finster und aggressiv wie früher, nur nicht mehr auf In Your Face – Niveau, sondern mehr versteckt, von hinten herum angreifend. Wenn die früheren Alben der Massenmörder mit der Kettensäge sind, dann ist Bone Peeler der Assassine, der mit spitzen, vergifteten Messern durch die Nacht schleicht. Beides ist gleich tödlich.