Zugegeben, mit deutschem, deutschsprachigem Punk stehe ich ein bißchen auf dem Kriegsfuß. Ob nun die an Überheblichkeit und Pseudo-Witzigkeit kaum noch zu überbietenden "Ärzte", die ach so politisch korrekten und Fan-nahen, dabei aber im Mitgröhl-Punk der 80er und 90er hängen gebliebenen "Toten Hosen" oder die musikalisch doch eher uninteressante Terrorgruppe, im Zweifelsfall scheinen fast immer auswärtige Kombos - sei es aus Schweden, England oder Kalifornien - den heimischen Krach-AGs vorzuziehen zu sein. Aber wie schon Yoda zu Obi Wan sagte: Es gibt noch eine Hoffnung. Die Helden aus der zweiten Reihe The Wohlstandskinder, 1995 im Bergischen Land gegründet, legen mit "Dezibel Karate" ihr sechtes Album vor. Probleme im Vertrieb hin oder her, nun steht das gut 45 Minuten lange und 13 Tracks umfassende Werk in den Regalen und macht richtig Spaß. Obwohl Honolulu Silver (voc., git.), Don Ludger de la Cardeneo (drum), Raki (bass) und Türk Travolta (git.) auch gerne mal aufs Tempo drücken und die Gitarren krachen lassen, wirkt das Album insgesamt angenehm unverkrampft und zurückgelehnt. Poppige Melodien wie "Es Gibt Keine Balladen Mehr" oder das Sommerhit-verdächtige "Kein Radiosong" stehen neben dem rythmische-groovenden "Welt Daneben" und dem balladenhaften, nachdenklichen "Penthouse Bewohner". Überhaupt finden sich ein ums andere mal interessante Zeilen wie in "Apathisch Warten" voll Wortwitz, Sozialkritik und Idealismus. Teilweise ist die Botschaft lyrisch verschlüsselt, teilweise sehr direkt, kommt aber stets über das Niveau eines "Immer mitten in die Fresse rein"-Ärzte-Textes hinaus. "Jedes Bisschen Gar Nichts" oder "Oasen Im Ozean" komplettieren das musikalische Spektrum und zeigen zum Abschluss der Scheibe, dass das rheinische Quartet durchaus zu rocken weiß. Für mich ist Dezibel Karate ein rundes und vielseitiges Album mit wie erwähnt interessanten Texten und nur wenigen Ausfällen. Sicher könnte man hier und da - auch beim Gesang - noch ein Schippchen mehr Rock´n´Roll und Power drauflegen, andererseits wirft die Band gerade hier Facettenreichtum in die Waagschale und variiert gekonnt Tempo, Gitarrendruck und Percussion-Akzente. Insgesamt also ein gelungenes Album, das aber - so muss man befürchten - zu wenig protzt und die Muskeln spielen läßt, um wirklich bemerkt zu werden und erfolgreich zu sein. Aber vielleicht sind die Wohlstandskinder ja auch ganz glücklich damit, kein eigenes "Westerland" geschrieben zu haben.