Beck Hansen mag einfaches Songwriting. Am liebsten soll es Country und Folk sein, ganz wie Johnny Cash und Hank Williams es geprägt haben. Angedeutet hatte sich diese Tendenz schon mit "Jack-Ass" vom Album "Odelay" oder beim 1997er "Bridge School Concert", wo Beck das auch auf dem aktuellen Album "Sea Change" enthaltene "It´s All In Your Mind" darbot. Er ging mit vielen der Songs für 10 Jahre schwanger und hatte deren Klang im Kopf. Sie bedeuteten ihm allerdings zu viel, um eine Ablehnung des Publikums zu riskieren und so entstanden zunächst Platten mit den bekannten Partyknallern wie "Where It´s At". Schließlich hat er sich doch getraut. "Sea Change" bietet hauptsächlich sehr ruhige und langsame Stücke, die nur in geringem Maße mit technischen Schnickschnacks aufpoliert und angereichert sind. Becks Ziel war es, eine sehr ehrliche, direkte und authentische Platte aus einfachen und gefühlvollen Songs zu machen. Fans seiner Frickeleien, der Samples und nicht zuletzt seiner grandiosen Qualitäten als Live-Entertainer im leuchtenden Cowboyanzug (übrigens geklaut von "Der elektrische Reiter" mit Robert Redford) werden beim ersten Hören schwer zu schlucken haben. Auch die Presse ist über den neuen Beck sehr geteilter Meinung. Die einen sagen, ein Song wäre schöner als der andere und Beck so gut wie nie, böse Schreiberlinge empfinden seine musikalischen und gesanglichen Fähigkeiten hingegen für diese Art von Songs nicht als ausreichend. Er sei ja durch sein bisheriges Material eher als Fälscherfuchs und Recycler von Vorhandenem hervorgetreten und die Anerkennung als echten Künstler würde er auch durch "Sea Change" nicht bekommen. Nun - wie so oft liegt die Wahrheit wohl irgendwo dazwischen. Einige Songs empfinde ich als sehr wohlklingend und kuschelig-sanft, andere sind doch recht langweilig und haben durch den etwas leierigen Klang von Becks Stimme eine sehr einschläfernde Wirkung. Wie viele andere dieser Tage hat auch Beck es sich nicht nehmen lassen, mit Streichern zu arbeiten. Dies beschränkt sich allerdings nicht nur auf ein ein Surren und Summen im Hintergrund, sondern ist sehr effektvoll und außergewöhnlich gut arrangiert. Bei "Paper Tiger" schwillt es zu einem ganzen Orchester an und tritt in den Vordergrund, nur um wenige Sekunden später wieder zu verschwinden. So ganz konnte er die Einfachheit also wohl doch nicht einhalten. Man stelle sich Johnny Cash vor, wie er gerade eines seiner berühmten Gefängniskonzerte gibt und im Hintergrund, in der Kantinenecke des Kansas State Penitentiary, steht eine Streichertruppe und wartet auf ihren Einsatz. Trotzdem: Synthesizer und ähnliches wirken extrem sparsam im Hintergrund und überlassen der guten alten Akustikgitarre das Feld. Besonders gut gefällt mir "Lost Cause", dass mich von der sanften Melodie und der feinen Melancholie her stark an "Belle & Sebastian" erinnert. In eine Art Trance wird man durch "Round The Bend" versetzt - eine ruhige Meeresbrandung im Dämmerlicht. "The Golden Age" eröffnet das Album, ist aber nach Becks Aussage ein Abschluß und Aufbruch zu neuen Ufern, wie in einem Film, bei dem man die eigentliche Schlußsequenz am Anfang sieht. Beck hat hier ein schönes Werk aus einem Guss geschaffen, dem allerdings hervorstechende Elemente und Kontraste fehlen. Es steht Ruhe, süße Melancholie und Gefühl gegen Eintönigkeit und Langeweile. Mir fällt die Entscheidung schwer. Was in einer Situation deprimierend wirkt kann ein anderes mal entspannend und stimmungshebend sein. Ich werde mir auf jeden Fall ein paar Rosinen rauspicken und schließe mit einem Beck-Zitat: "Hopefully, people can fall asleep to this record".