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An Gesprächsthemen mangelt es uns jedenfalls nicht, als wir uns an einem heißen Augusttag in Berlin zusammensetzen und über das neue Album "Decadence & Isolation" sprechen.
Die neue Platte klingt – gerade auch im Vergleich zu den Vorgängern - überraschend frisch, was treibt Boa nach all den Jahren immer noch an?
Phillip lacht: "Ich denke die Alben davor sollten nicht frisch und druckvoll klingen, mir fehlte da...ich weiß nicht...der Mensch trägt ja Ängste mit sich rum...eine Angst davor war eben die Angst vor Melodien...vor Pop, oder eben davor reduziert oder einfach zu klingen. Angst vor dem Song, vor dem Song an sich und deswegen hat man halt andere Songs gemacht, die vielleicht komplexer waren oder mehr Angst ausdrückten oder so. Wie Du es gerade beschrieben hat, ist es schon in Ordnung, das ist schon beabsichtigt!"
Boa vermeidet es am Anfang mich direkt anzuschauen, spielt nebenbei am Handy herum, kein Zweifel, der Mann checkt zunächst ab, wen er da vor sich hat.
Er spricht ruhig, korrigiert sich immer wieder, macht Pausen, läßt einen angefangenen Satz gerne mal als Fragment stehen.
Hört er sich seine alten Werke manchmal an, immerhin hat sich da eine Menge angesammelt, 13 Alben mit dem Voodooclub, zwei mit Voodoocult und dann ist da auch noch "Lord Garbage" der Alleingang aus dem Jahr 1998, ganz zu schweigen von diversen EPs und Singles.
"Eigentlich nicht. Da ist auch eine Angst mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden, weil man immer daran gemessen wird...das ist schrecklich. Man wird immer so an seinen zehn Klassikern, die man so geschaffen hat und die natürlich jetzt schon...ich glaube der letzte ist von 1994 oder so.
Daran wird man halt gemessen und das ist wie ein riesiges Damoklesschwert, was über einem schwebt, wie ein UFO, das immer droht auf einem zu landen und deswegen befasst man sich damit nicht, deswegen versuche ich nach vorne zu schauen."
Aber es ist doch besser geworden, in der zweiten Hälfte der Neunziger war Boa relativ out, was seinen Niederschlag in hämischen, lapidaren Reviews fand, die nicht unbedingt fair waren.
Ganz so als ob all die Leute, die Phillip vorher vor den Kopf gestoßen hatte, nur auf die Gelegenheit warteten, es ihm heimzuzahlen.
Erst mit den beiden letzten Werken "The Red" und "C-90" wurden Berichte und Kritiken wieder freundlicher.
"Na ja...1993 war mein größter Erfolg und das ist natürlich problematisch, denn wenn man ein bißchen Erfolg hat, dann ist man natürlich automatisch nicht gut gesonnen, je größer man ist, desto mehr muss man sich dafür rechtfertigen...ich hab' dann selber halt auch...ich kann das auch verstehen...deswegen hab' ich mich auch selber ein bißchen...zerstört...durch beispielsweise so Erfindungen wie Voodoocult."
Aber Voodoocult war doch gar nicht so schlecht, nur vielleicht zum falschen Zeitpunkt umgesetzt worden.
Phillip muß lachen und erläutert:
"Ich fand' es auch nicht schlecht, ich fand gar nichts schlecht, was ich jemals gemacht hab', das können andere Leute schlecht finden, aber ich steh' dazu, ich seh' das auch ganz anders, das sind Songs, wie auf dem einen neuen Titel zu lesen ist: The Songs Of Life.
Das sind die Lieder meines Lebens, die schreibe ich runter und wenn ich mich in der Zeit halt schlechter fühle oder mehr Selbstzweifel hab' oder so, dann wird das in den Songs und auf den Alben eben dokumentiert und das hat sich jetzt ein bißchen gewandelt bei diesem Album.
Ich fühle mich positiver, mehr selbstbewußt, weil ein paar Ängste abgebaut sind und ein paar Identitätskrisen und so weiter."
Im Song "Intrigue And Romace" singt Boa, er fühle sich, wie Oskar Wilde in seinen letzten Jahren, wie kommt man darauf? Doch unzufrieden mit seinem Status, mit der Art, wie die Gesellschaft ihn behandelt?
Die Antwort kommt prompt und fällt höchst ambivalent aus:
"Wenn ich in der Ich-Form schreibe, heisst das nicht, 1:1, dass ich unbedingt in dem Augenblick gemeint bin als Erzähler, ich versetze mich natürlich in andere Figuren hinein und das ist in dem Lied ein bißchen autobiografisch und ein bißchen fiktiv. Manchmal fühle ich mich eben wie Oskar Wilde in seinen letzten Tagen das ist so 'ne Metapher dafür, dass man sich Scheiße fühlt...ausgenutzt oder missverstanden oder so. Wie er sich eben so gefühlt hat. Manchmal benutze ich populäre Zitate, um die Songs in eine andere Dimension noch zu bringen oder aufzulockern."
Boas Gesang steht auf dem neuen Album ziemlich im Vordergrund, was sehr positiv auffällt, da seine Aussprache des Englischen etwas sehr Deutsches hat, aber eben nicht im Sinne von "Kän wie zieh sä Bänd?", sondern mehr im Sinne von Nico oder den 39 Clocks und den Songs etwas Geheimnisvolles, sehr Spezielles verleiht.
Phillip hält kurz inne und schaut mich erstmals direkt an:
"Wow...gute Beispiele! Ja...war mir nicht bewußt. Es kann sein, die haben den Gesang relativ laut gemixt, weil sie gesagt haben...also ich hab' ja immer Angst vor...ich hab' immer gesagt 'Mach leiser, mach leiser', aber da haben sie sich scheinbar nicht von abbringen lassen weil sie es gut fanden.
Ich hab' als Sänger eigentlich paar Komplexe und die haben mir die genommen, abgebaut und haben gesagt 'Hey, Du bist doch gut!'. So haben sie den Gesang gefeatured, einen Hauch manipuliert und so. Das finde ich gut."
Kommt das neue Album eigentlich in Amerika oder Groß Britannien raus?
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"In Amerika hatten wir noch nie irgendein Release...noch nie. Warum fragst Du?"
Naja...gerade Amerikanern könnte das doch sehr gut gefallen, die mochten so spezifisch teutonische Musik doch schon immer.
"Vielleicht diese Platte, ich weiß es nicht. Du hast einfach so als deutscher Künstler nicht die Plattform um da hinzugehen. Wenn, dann musst Du hundert Konzerte im Jahr da spielen und richtig arbeiten und ich bin eigentlich generell ein fauler Mensch. Ich mag es im Studio rumzuhängen und Songs zu schreiben, das ist alles an Arbeit, was ich fast nur mache und dann alle ein, zwei Jahre Presse-Interviews geben - mehr mach' ich ja eigentlich nicht. Und Konzerte geben. Das ist ja schon 'ne Menge, aber ich hab' keine Lust meine ganze Freizeit dafür zu opfern, ewig immer nur zu touren. In Amerika geht das nicht anders. In England haben wir lange nicht mehr live gespielt, da waren wir früher, in anderen Ländern auch. Es kann sein, dass wir jetzt wieder damit anfangen, aber ich bin einfach zu faul...zu faul geworden.
Wir exportieren in die Länder, immer noch ganz gut, in alle möglichen Länder, übrigens auch in die USA, aber es gibt keine Releases."
Aber für einen faulen Mensch ist Boa doch erstaunlich konstant, denn seit 1984 war er nie richtig weg, es gab sicher mal eine Pause, aber es kam immer eine neue Veröffentlichung oder Touren.
"Das ist faul, weil ich seh' das ja nicht als arbeiten an, wenn ich im Studio rumhänge oder ein Konzert gebe, das ist ja gleichzeitig mein Lebensinn, mein Hobby, das seh' ich nicht als arbeiten an, in so fern arbeite ich ja fast nie. Das hier ist gerade ein bißchen Arbeit!"
Hat er nach all den Jahren noch Erwartungen an eine neue Platte oder ist es ihm mittlerweile egal welche und wie viele Menschen sie kaufen und wie sie kritisiert wird?
"Nee ist mir nicht egal wer das kauft, aber wie viele das kaufen, das ist mir...relativ mittlerweile egal geworden. Viele fragen nach der Verbindung hier zu Motor, ob ich irgendwie jetzt hier zu Motor zurückkehrt bin und endlich und Blah Blah Blah. Wahrscheinlich hab' ich für's nächste Album wieder ein neues Label, in sofern seh' ich das nicht romantisch. Die arbeiten bis jetzt gut und ich fühl' mich hier auch wohl, paar Dinge kotzen mich an, etwa die Vermarktung, die moderne Vermarktung, die auch Motor auf jeden Fall versucht an mir. Dagegen anzuarbeiten ist schwierig teilweise, das ist echte Arbeit. Bis jetzt hab' ich mich noch relativ gut durchgesetzt."
Sehr schön, dass er das unliebsame Thema Motor-Music selbst ins Spiel bringt, denn man muss dazu wissen, dass Phillip ein sehr spezielles Verhältnis zu Motor hat, seit den Tagen als Motor-Chef Tim Renner noch bei Polydor war, war Boa mit ihm und den jeweiligen von ihm geleiteten Firmen verwachsen, ,mit ihm hatte er seine größten Erfolge, nach "Lord Garbage" trennte man sich jedoch mehr oder weniger im Streit.
Was war geschehen?
Motor musste einige betriebswirtschaftliche Umstrukturierungen vornehmen und bat Phillip, seinen Vertrag zugunsten der Firma zu verändern, klar, dass man damit "offene" Türen einrannte, denn auch wenn er jetzt so friedlich hier vor mir sitzt:
Phillip kann verdammt konsequent an seinen Überzeugungen festhalten und in diesem Fall verliess er lieber die Firma auch wenn das bedeutete, dass er plötzlich ohne Vertrag dastand.
So gesehen sind die "neuen" Differenzen Banalitäten, aber Boa hat gerne Kontrolle über seine Kunst;
etwa bei der Wahl der ersten Single, er hätte nämlich gerne "Intrigue And Romance" genommen:
"Der Song ist fantastisch, der ist einfach fantastisch, ich hätte den ja als Single ausgekoppelt, aber das wollte kein anderer. Ich finde der Song ist ehrlich, der hat 'ne ganz, ganz tolle Atmosphäre. Und jeder hat gesagt 'Ups, der ist zu ku...äh.. zu lang am Anfang, da passiert nichts und ich hab' immer gesagt 'Na und?' Na und, ist mir scheißegal, laß das Ding aufbauen.' Das passt gar nicht mehr in die Zeit, so lange ein Intro und kein Gesang kommt. So what?! Ich hab' dafür gekämpft. Der Song ist super!"
Ein weiteres Thema ist die Veröffentlichung des Albums im Vinylformat, Boa hofft darauf, aber auch hier:
"Diese Frage kannst Du denen da draußen gerne gleich mal stellen, ich befürchte nämlich nicht. Unsere bisherigen Vinylauflagen betrugen um die 700 Stück, mehr haben wir davon nicht verkauft. Das war aber glaub' ich gar nicht so schlecht, denn ein Freund von mir hat einen Indie-Vertrieb für Vinyl und der hat auch die 'My Private War' rausgebracht und der hat gesagt 700 Stück wären gut, das Beste, was er auf dem Bereich hatte. Wenn jetzt natürlich die Toten Hosen eine machen würden, dann wären das sicherlich paar mehr. Ich will meine 700 Vinylauflage haben, aber die großen Plattenfirmen haben kein Interesse, die verdienen nichts an 700 verkauften Vinyl-Platten!"
Bliebe nur, das Ganze in Eigenregie zu veröffentlichen, dazu fehlt Phillip aber die Zeit, um alles kann er sich ja nun auch nicht kümmern.
Eine andere Sache um die er sich ungern selbst kümmert ist die Produktion seiner Alben.
Boa hatte immer sehr gute Produzenten wie John Leckie (The Fall, The Stone Roses), Tony Visconti (Bowie, T.Rex), Gareth Jones (Einstürzende Neubauten, Interpol) oder eben jetzt Gordon Raphael (The Strokes) und Swen Meyer (Kettcar) – wie kommt man an solche Leute?
"Gareth hatte ich auch im Hinterkopf, ihn zu fragen, ob er wieder was machen möchte. Zufällig hat mir dann die Plattenfirma bißchen geholfen; Swen Meyer, da steht Tim Renner sehr drauf und das hat sich auch sehr positiv rausgestellt. Der hatte einfach sehr viel Respekt und dadurch hat er sich sehr in meine Musik hineinversetzt, hat versucht zu verstehen, was ich mache. Deswegen klingt das jetzt nicht wie Swen Meyer, sondern wie Swen Meyer, der Phillip Boa produziert...ganz großer Unterschied!
Bei Gordon war es, glaub' ich so, dass der irgendwie in Berlin lebt, seit 'nem halben Jahr und irgendwas von uns gehört hatte. Das war Zufall!"
Könnte er sich vorstellen, sich von Daniel Lanois produzieren zu lassen und eine ganz ruhige Platte aufzunehmen?
"Auf jeden Fall! Klar! Aber da kommst Du auch nicht ran, die U2-Produzenten haben so viel Geld, dass die halt wirklich nur das machen, was sie wirklich machen wollen und da halt die ganze Welt was von ihnen will, bin ich in der Konkurrenz-Schlange da auf Platz 478!"
Gab es nie die Überlegung, sich komplett selbst zu produziert, Boa hat doch eigentlich immer auf fremde Produzenten zurückgegriffen.
Der Meister erhebt sofort Einspruch:"Halt. Die erste zum Beispiel, die ersten beiden!"
Was meint er? "Most Boring World" und "Philister"?
"Nee, nee. Ja...'Most Boring World', wenn Du die zählst, dann..."
Es folgt eine kurze Pause und Phillip schaut mich sichtbar verblüfft an, mit leiser Stimme fährt er fort:
"Ich bin überrascht, dass Du das weißt!"
Naja...in Vorbereitung für unser Gespräch habe ich sie erst am Vorabend aufgelegt!
"Also, das seh' ich als EP jetzt an, aber OK die zum Beispiel und 'Philister' und 'Aristogracie' und dann nicht mehr."
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