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Die Feststellung der physischen und psychischen Konstitution des musikalischen Gesprächspartners ist obligatorisch wie essenziell, denn, da sich Anders zum Zeitpunkt des Mail-Interviews im heimatlichen Stockholm befindet, ist ihm sein Befinden nicht anzusehen. "Mir geht's gut", klärt Anders auf. "Allerdings befinde ich mich unter einem leichten Zombie-Schleier. Das ganze Jahr unterwegs, bin ich immer etwas verkatert von der süßen Samstags-Tradition zu versuchen Teil des Stockholmer Bar-Inventars zu werden."
Zum internationalen Düster-Rock- und Metal-Inventar ist die Band um die Begründer Anders Nyström und Jonas Renkse längst avanciert. Nach der Bandgründung im Jahre 1991, einigen Line-Up-Wechseln und sechs Studioalben - "Dance Of The December Souls"(1992); "Brave Murder Day" (1996), "Discouraged Ones" (1998); "Tonight's Decision" (1999); "Last Fair Deal Gone Down" (2001); "Viva Emptiness" (2003) - präsentierten Anders "Blackheim" Nyström (Gitarre), Jonas "Lord Seth" Renkse (Gesang), Fred "North" Norrman (Gitarre), Mattias "Kryptan" Norrman (Bass) und Daniel Liljekvist (Schlagzeug) nach dem letzten Studioalbum "Viva Emptiness" zwei Compilations: "Brave Yester Days" zeigt die Black-Metal-Seite von Katatonia (1991-1996) und die 2-CD- und 1-DVD-Box "Black Sessions" enthält das Schaffen der Band von 1998-2003.
Am 13. März 2006 erscheint nun endlich neues Material von den Düster-Metallern. Inspiriert durch die Oberflächlichkeit und Kaltherzigkeit der (mit)menschlichen Umgebung, entsprang der Titel "The Great Cold Distance"."Man muss sich eigentlich nur umschauen. Die Handlungen der Menschen sind kalt, abwegig, egoistisch und böse, in jeder vorbeistreichenden Sekunde. Die kleinen punktlosen Details sind sogar im Alltag zu finden. Alles ist infiziert von dieser Kälte und Kaltherzigkeit. Die Menschen sind nur an materiellen Werten interessiert und bewerten sich gegenseitig über Geräte, die du hast oder nicht hast.", holt Anders aus. "Du wirst betrachtet und analysiert, dir werden Vorteile verschafft oder Vorurteile gestrickt, aus dem was du anhast, was du sagst oder wie du dich bewegst, damit du in das Muster der Lügen passt. Das alles ist eine vortäuschende Traum-Welt, nach welcher sich die Jugend sehnt. Es ist eine riesige Scheiß-Kälte da draußen, und wir messen täglich den Abstand."
Es sollte nicht verwunderlich sein, dass sich eine Metal-Kapelle mit philosophischen Denkansätzen, Sozialkritik, dem Leben, dem Tod und mit allem dazwischen beschäftigt, dennoch ist die Überlegtheit, Tiefgründigkeit und Wortgewalt des Gitarristen faszinierend, genauso wie das neue Material seiner Band. "Es vereint stellenweise das aggressivste Material, was wir in unserer bisherigen Karriere produzierten, aber es hat dennoch außerdem sehr atmosphärische und launische Momente. Es ist härter in Bezug auf die emotionale Aggression, durch weiter heruntergestimmte Gitarren und eine härtere und brutalere Produktion. Vergleichend mit 'Viva Emptiness' ist der größte Unterschied von 'The Great Cold Distance', dass diese Platte mehr Dynamiken und eine definitiv härtere und professionellere Produktion aufweist. Diese Platte zeigt wo wir heute stehen und ist repräsentativ für unseren Geist. Unsere Mission war es eine sehr harte und aggressive Platte zu kreieren, geschichtet auf einer rauschenden Tiefe von Atmosphäre." Nach drei Jahren Lebenskampf ohne neuen Longplayer, fast dauerhaftem Touren, bewegte man sich zu einer Fortsetzung der zu Musik gewordenen Tristesse. "Wir machten weiter mit jeder Menge dunkler und kalter Visionen und mit dem, was unser Geist uns verriet. Wir fühlten uns sogar gezwungen diese Stimmung mit messerscharfer Präzision in Musik zu transformieren."
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Mit etwas Abstand sieht man viele Dinge anders und klarer. Dennoch kann Anders rückblickend nicht sagen, er wolle seine Musik der vergangenen Tage abändern. "Musikalisch würde ich nichts ändern wollen, aber von der Performance her gibt es eine Menge an Sachen, für die ich sterben würde, wenn ich sie rückgängig machen oder verändern könnte. Aber so ist es nun mal, lässt sich nicht ändern. Man muss Sachen zurücklassen können, in die Zukunft blicken, sich verbessern und aus Fehlern lernen."
Stetig versucht sich ein Musiker zu steigern und zu verbessern, umso schöner, wenn man nach den zährenden Aufnahmen, kurz aufatmen und zufrieden sein kann. "Als Band feiern wir immerhin schon den 15. Geburtstag in diesem Jahr und uns gibt es immer noch! Wir sind sehr glücklich mit dem Album und für mich fühlt es sich so an, als wäre 'The Great Cold Distance' eine Art Fortsetzung dessen, wo wir mit 'Viva Emptiness' aufhörten."
Tief, düster und beeindruckend atmosphärisch kommt das neue musikalische Gewand daher, nicht verwunderlich, in anbetracht dessen, dass man die Schweden von Katatonia nicht anders kennt, aber unter Berücksichtigung der warmen und sonnigen Kulisse ist das etwas, was manch einen vielleicht etwas erstaunen mag. Doch kreative Perioden sind schließlich nicht jahreszeit-abhängig und die ihre wurde in den "Fascination Street Studios" in Örebro ausgelebt. "Wir haben das Album in einem Zeitraum von etwa drei Monaten im letzten Sommer aufgenommen und, wie auch das letzte Mal, haben Jonas und ich die Platte zusammen mit unserem Studio-Team produziert. Bogren und Castillo waren für die Co-Produktion verantwortlich. Es war eine lange und sehr fordernde Session. Jedes Bandmitglied wurde mit dem Rücken an die Wand gedrückt, um Perfektion zu erreichen und einen Fortschritt zu entfalten. Man wird weder einen schlabberigen, noch einen flachen Moment auf der Platte finden! Das Album ist in diesem Gesichtspunkt fast klinisch-steril und wir wollten diese Art von Schärfe, um die Kälte des Albums zu steigern. Das war die Hölle wert!"
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