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Die Apokalyptischen Reiter - Wer Wind sät, wird Sturm ernten

Mittwochabend ist nicht gerade der perfekte Tag zum Feiern und trotzdem hatte es an diesem Septemberabend eine elitäre Gesellschaft von etwa 250 Leuten in das Berliner Kesselhaus gezogen um dort einen musikalischen Sturm über sich hinwegfegen zu lassen: Die Apokalyptischen Reiter gaben sich die Ehre und die Reitermaniacs waren zur Stelle.

Eröffnet wurde das Spektakel vor noch recht kleiner Zuschauerzahl von Hämatom, die schon rein visuell echt etwas hermachten. Der Sänger in Mullbinden gewickelt wie eine Mumie, Basser "West" mit Kartoffelsack-Grusel-Maske und auch die anderen beiden Herren fantasievoll gestylt und mit massig Energie prügelten sie ihre Mischung aus Nu-Metal und Hardcore ins Kesselhaus. Songs mit ernsthaften oder sogar nachdenklichen Aussagen wie "Kopf durch die Wand" oder "Schmerz" wechselten sich ab mit abgewandelten Kinderliedern a la "Bi Ba Butzemann" oder "Ene mene Miste". Eigentlich typische Abrocksongs, aber trotz der aufmunternden Worte des Hämatom-Frontmanns konnten sich die Anwesenden noch nicht so richtig zum Pogen oder Bangen hinreißen lassen. Bei den weiblichen Zuschauern könnte es unter anderem auch daran gelegen haben, dass man bei dem Mumienoutfit gewisse Körperteile des Sängers extrem beeindruckend hervorgehoben hatte und frau kaum den Blick abwenden konnte. Nun ja! (Baja)

Eigentlich etwas unpassend, aber dennoch von einigen der Fans erwartet, setzten die Färöer Band Tyr ihre Segel unter Wind und ließen ihr Drachenboot, beladen mit einem recht kurzen Auftritt auslaufen. Heri Joensen und seine Mannen begannen mit dem sperrigen Opener
des "Eric The Red"-Albums "The Edge", dessen verschachtelter Aufbau und wundervolle sowie anspruchsvolle Melodielinien nicht sofort jedem zugänglich wurden.

 

Kettenhemdbewehrt und mit mächtigen mehrstimmigen Chören versehen erschufen Tyr eine Atmosphäre mit "The Wild Rover" und "Hail to The Hammer", die Sehnsucht, Bilder von majestätisch dahin ziehenden Eisbergformationen und von Forschungsdrang vorangetriebenen Wikingern entstehen ließen. Die Mischung aus metallischen Ausbrüchen und Folklore machte definitiv Appetit auf mehr, man darf durchaus gespannt sein auf das kommende "Raknarok"-Album und die Tour mit Amon Amarth. (Ingo)

Dann endlich, endlich das lang ersehnte Intro, das Die Apokalyptischen Reiter ankündigte. Frenetischer Jubel der Fans, als Frontmann Fuchs, wie gewohnt barfuss und mit Pluderhose verkündete: "Und vier Reiter stehen bereit!" Und wie bereit sie waren, war doch Berlin die erste Station der Deutschlandtour und alle noch frisch und munter! Die aufwändige Pyrotechnik durfte zwar leider nicht gezündet werden, da die Kulturbrauerei unter Denkmalschutz steht, aber auch ohne Feuersäulen waren Die Apokalyptischen Reiter nicht nur ein Ohren- sondern auch ein Augenschmaus. Dr. Pest war mitsamt Keyboard in einen Käfig gesperrt worden, der für die ein oder andere Zuschauerin noch eine nicht unerhebliche Rolle an diesem Abend spielen sollte. Frontreiter Fuchs, charismatisch, voller Energie und Lebensfreude ist sowieso ein einziges menschliches Feuerwerk! Wozu also Pyrotechnik?

Musikalisch ging das Kesselhaus jedenfalls schon während der ersten Songs der neuen Scheibe "Riders On The Storm", "Friede sei mit Dir" und dem Titeltrack raketenmäßig ab. Wie ein Mann standen die Fans hinter den Reitern und präsentierten sich textsicher - auch bei den neuen Stücken - sowie absolut tanzwütig! Teilweise war es einfach ein kompletter Hexenkessel, aus dem es kein Entkommen gab! Aber auch die ernsteren Themen, die auf dem im August erschienenen Album Platz finden, wie "Soldaten dieser Erde", wurden schon allein durch Mimik und Gestik des Sängers ein ernstzunehmender Friedensappell an die Welt! "…streckt die Waffen, auf dass ihr zu Menschen werdet…" fordern die Reiter, und als diese Lyrics aus sämtlichen Fankehlen wie aus einem Mund schallten, kam das gute Gefühl auf, man könne zusammen wirklich etwas ändern, am Leid der Welt!

So ganz zufrieden waren die vier Jungs wohl noch nicht mit der Reaktion ihres Publikums: "Seid ihr zu müde zum Tanzen? Mit euch kann man aber keine Revolution starten!" Das ließen sich die Pogowütigen allerdings nicht zweimal vorwerfen und bei "Revolution" und dem sich anschließenden Percussionwirbel, bei dem alle Reiter die Trommeln bearbeiteten, gab es kein Halten mehr. Hiernach kam dann der oben bereits erwähnte Käfig von Dr. Pest zum Einsatz. Ein weibliches Geschöpf aus der ersten Reihe wurde von Fuchs auserwählt, als Ersatz für die nicht zum Einsatz kommende Pyrotechnik für das Publikum auf der Bühne zu tanzen! Naja, das arme Mädel sah leicht überfordert aus und hätte wahrscheinlich lieber weiter vor der Bühne gemosht als mit dem Sänger auf der Bühne das Tanzbein zu schwingen. Zu allem Übel wurde die Arme dann auch noch für die lange Zeit der Songs "Sehnsucht" und "Erhelle meine Seele" zu Dr. Pest in besagten Käfig gesperrt und ein bisschen ausgepeitscht. Während des wunderschönen Tracks "Mmmh" wurde das arme Ding dann aber endlich von einigen Jungs aus dem Publikum befreit. Die außergewöhnlichen Klänge des Digideroos zauberte der hünenhafte, rastabezopfte Backliner der Band, der unter anderem auch als Kindermädchen für die zahlreichen Stagediver fungierte.

Nach dieser kurzen Ruhephase krachte es wieder gewaltig im Gebälk und Die Apokalyptischen Reiter stürmten mit "Wenn ich träume", "Reitermania" und "Du kleiner Wicht" weiter voran und gönnten den Mädels und Jungs im Kesselhaus keine Atempause! Die Stimmung war bombastisch und jeder hätte den Textteil "…Frohsinn soll mich heut begleiten…" aus "Die Sonne scheint" blindlings unterschrieben! Diesen Feierhit durfte dann auch wieder eine nette Dame aus dem Fanpulk untermalen, die nicht ganz so überfordert war wie Fuchs' erstes Opfer. Sie bangte sich die Seele aus dem Leib und weigerte sich standhaft zu Dr. Pest in den Käfig zu steigen. So was! Von Fernweh wurde man gepackt bei "Seemann" und während man sich noch über den Ozean zu einsamen Inseln träumte, war das Set auch schon vorbei und die Akteure verabschiedeten sich. Nach sofort einsetzenden, lautstarken Rufen nach Zugabe allerdings nur kurz.

 

Zurück auf der Bühne mit passendem Cowboyhut zockten Fuchs und seine Reitersmänner "Ghostriders In The Sky" einmal mehr mit einem stimmgewaltigen Fanchor im Rücken. Die Frage "Was wollt ihr hören? 'Gone' oder 'Dschinghis Khan'?" hätten sich die Herren eigentlich sparen können. Einhellig wurde "Dschinghis Khan" gefordert und ein leicht gefrusteter Vorreiter gab sich geschlagen: "Das werden wir nie mehr los! Na gut wir spielen beide!". Demnach konnte sich dann auch jeder testen, wie schnell er "He Reiter, ho Reiter, he Reiter, immer weiter! Dsching, Dsching, Dschinghis Khan!" ohne sich zu verhaspeln, mitgröhlen konnte.

Und dann war es das! Der erste Gig der "Riders On The Storm"-Tour! Trotz weiterer Zugabe-Rufe ließen sich Die Apokalyptischen Reiter nicht mehr überreden noch weiter zu machen, wobei ein 90 Minuten-Gig schon ganz ordentlich ist! Vor allem wenn man bedenkt, was Fuchs dort auf der Bühne leistet: Er hüpft, springt und rennt wie ein Verrückter, klettert Boxenwände hoch und runter, tanzt, singt, kreischt und treibt seine Späßchen mit dem Publikum. Er und die komplette Band waren wie ein Energiesturm, der seinesgleichen sucht! Was bleibt nach einem Sturm? Normalerweise Schrott und Zerstörung! Dieser apokalyptische Wahnsinn im Kesselhaus ließ jedoch zufriedene, verschwitzte, heisere und glückliche Fans zurück und eine Band, die sich sicher gern an Berlin erinnert. Hier hat es sich bewahrheitet: Wer Wind sät, wird Sturm ernten - einen Begeisterungssturm! (Baja)


 

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Baja
© 09/2006 whiskey-soda.de
 


Kurzinfos: Die Apokalyptischen Reiter

Homepage:
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