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Aber selbst das interessanteste Gespräch hat einen Anfang, und so ging es dann relativ zurückhaltend los. Das neue Album "Judgement" ist mehr als ein Meisterwerk, lässt selbst das grandiose "Skyshaper" - Album von Covenant hinter sich. Waren die Vorgänger "Futureperfect" und "Matter + Form" noch Gegenstand anregender Diskussionen unter alten und neuen Fans, haut Ronan Harris mit "Judgement" ein Album heraus, das so perfekt ist wie kaum ein anderes Album im Elektrogenre. "Ich habe mir Zeit gelassen. Sehr viel Zeit. Zwei Jahre, um genau zu sein. Und im Gegensatz zu "Matter + Form", wo ich durch den Produzenten eine Deadline gesetzt bekam, konnte ich bei "Judgement" machen, was ich wollte." Also kein Produzent, kein Druck von außen. Die Stücke waren wirklich dann fertig, als sie perfekt waren. "Bei "Matter+Form", mit dem ich dennoch sehr zufrieden bin, gab es schon eigentlich noch den einen oder anderen Grund, an einigen Songs noch etwas zu drehen, und das habe ich im Rahmen der Deadline nicht gemacht. Es sind Songs auf diese Alben gewandert, die eigentlich noch nicht zu 100% fertig waren. Natürlich sind die Alben gut, aber man hätte noch einen Hauch daran verbessern können. Bei "Judgement" konnte ich eben diese Verbesserungen vornehmen, bis ich zu 110% zufrieden war." Dafür mussten aber auch andere Rahmenbedingungen herrschen. Während bei den Vorgängeralben die Band ins Studio gegangen ist und sich dem Produzenten bis zu einem gewissen Maße unterordnen musste, hat man bei "Judgement" die Dinge selbst in die Hand genommen. "Ich bin in ein nettes kleines Studio gegangen, das meinen Anforderungen voll und ganz entsprach. Kein Schlafzimmer, keine Lagerhalle, sondern ein echtes Studio. Ich habe mich dort eingemietet und konnte machen, was ich wollte, wann ich wollte und solange ich wollte. Daher ist das Ergebnis wohl auch so organisch und wirklich genau so, wie ich es haben wollte." Es gibt einige Leute, die "Matter + Form" nicht ganz verstanden haben. Schwierige Songs reihen sich an eingängige Hymnen. Viele der Fans der ersten Stunde mögen das Album nicht, dennoch ist es das Bestverkaufteste in der Geschichte von VNV Nation. "Man muss voranschreiten. Es kann passieren, dass Du alte Fans vielleicht verschreckst, aber es kommen auch neue Fans hinzu. "Matter + Form" war sehr erfolgreich, ganz besonders natürlich in den USA".
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Und die USA - das war ein Stichwort. Denn VNV Nation hat in den USA einen ganz besonderen Stellenwert. Andere Länder, andere Fansitten. Während VNV Nation in Deutschland leider fast ausschließlich Fans aus dem Gothic- und EBM- Sektor hat, kommen in den USA Fans aller Stilrichtungen zu den Konzerten. "Du fragst mich, ob wir in den USA erfolgreicher sind, als in Deutschland? Ganz einfach: Ja. Ich finde es furchtbar, diese Dinge zu sagen, weil ich es hasse, über mich selbst in solch prahlerischer Manier zu reden, aber die Leute haben es an mich hingetragen und ich konnte es selbst kaum glauben. Von den Top 30 Bands in den USA geben mehr als die Hälfte an, VNV Nation zu ihren Inspirationsquellen zu zählen. Das musst Du Dir mal vorstellen. Ich bin deren Vorbild, und die verkaufen Millionen Platten. Ich glaube das selbst kaum, aber es ist so." Nicht umsonst hat VNV Nation den Headlinerspot bei einem der angesagtesten Festivals in den USA ergattert. Und ohne ins Detail zu gehen: Selbst in den Familien der allergrößten Weltstars läuft VNV Nation im CD-Player. "Weißt Du, wenn in den USA in Musikmagazinen die großen Bands rezensiert werden, dann steht da häufig VNV Nation als Referenz, als Vergleichsmöglichkeit, damit sich der Fan vorstellen kann, worum es bei dieser jeweiligen CD geht. Das fasse ich immer noch nicht. Aber selbstverständlich ist das eine große Ehre." Das könnte in Deutschland nicht passieren - leider. Aber woher kommt diese Diskrepanz? Ist der Unterschied der Musikwelt zwischen Europa und den USA so groß? "Ja, ist er. In den USA ist die Kulturszene, also Musik und insbesondere Film, stark politisch aktiv, und die meisten sind Linke. In der heutigen Zeit gilt bei dem Präsidenten in den USA ja "liberal" als Schimpfwort. Seitdem hat sich unglaublich viel getan. Ein Ruck ist durch die Musikszene gegangen wie seit Anfang der 80er Jahre nicht mehr. Es gibt einen Veränderungswillen, das Gespür, welche Macht das gesprochene oder gesungene Wort hat. Und das ist ein absolut genreunabhängiges Phänomen. Wenn Du etwas zu sagen hast, dann kommen die Leute, um es zu hören, die sind absichtlich politisch liberal, weil sie empfinden, dass es wichtig ist, seine Stimme zu erheben. Es gibt ein Zusammengehörigkeitsgefühl, Bands wie The Killers und The Strokes und ähnliche bringen die Leute zusammen. Das ist das größte Musikmovement seit 25 Jahren, und das ist so wichtig!"
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Für manche mag das nur Fassade sein, typisch angepasstes politisches Gerede. Das stimmt bei Ronan Harris aber in keinem Fall. Es gibt eben einen Unterschied, wie die Dinge ausgedrückt werden. "Manche Leute springen auf einen Zug auf, wenn sie gerade meinen, dass bestimmtes politisch angehauchtes Gelaber sie kommerziell nach vorne bringt. Das ist verlogen. Aber es gibt eben genug Leute, die es ernst meinen und sich engagieren. Ich bin nun mal aus Irland und da habe ich gleich zwei der besten Beispiele: U2 und Bob Geldof. Coldplay gehören sicher auch dazu. Leute, die ihren Status nutzen um Dinge zu propagieren, die so wichtig sind. Gerade jetzt aktuell ist doch das Beispiel mit der Klimaerwärmung das Beste überhaupt." In diesem Augenblick war klar, dass sich der Rest des Gespräches kaum noch um "Judgement" drehen werden würde, sondern um eigentlich viel wichtigere Dinge...
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