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So schlecht, wie es gerade von den großen Plattenfirmen dargestellt wird, kann es der Musikindustrie nicht gehen, wie ich an einem frühherbstlichen Abend in Berlin feststelle. Tarja erwartet mich in einer zweigeschossigen, gediegen eingerichteten Suite im Hilton Hotel am Gendarmenmarkt. Da sollte man auch einen Interviewmarathon mit Jetlag ganz gut überstehen und tatsächlich lässt sich Tarja während unseres Gespräches keine Müdigkeit anmerken. "Ich war gerade für zwei Wochen in Los Angeles", erzählt sie mir. "Ich habe dort vier Tage gebraucht, um mich an den Zeitunterschied zu gewönnen, aber hier ging das viel schneller, obwohl ich heute früh schon um 5 Uhr aufgewacht bin." Natürlich hatte sie sehr gute Gründe sich an der amerikanischen Westküste aufzuhalten. "Wir haben dort mein Album gemixt, in den Remote Control Studios in Santa Monica. Mein Mann, der Produzent und ein Toningenuer arbeiten fieberhaft daran, das Album fertig zu bekommen. Sie schicken mir ständig Songs per Email und ich schicke dann meine Kommentare zurück."
Während Musiker an einem Album arbeiten, bewegen sie sich in einer Art eigenen Welt und bekommen oftmals erst am Ende des kreativen Prozesses einen eigenen Eindruck davon, was sie da eigentlich in den letzten Monaten geschaffen haben. Tarja strahlt kurz vor dem Abschluss der Arbeiten an "My Winter Storm" jede Menge Zuversicht aus. "Wir haben solange an diesem Album gearbeit, immer in kleinen Schritten, sind vor und zurück gegangen. Es ist wundervoll zu sehen, wie die Dinge jetzt zusammen kommen. Es hat so lange gedauert meine Vision durchzusetzen, gegenüber der Plattenfirma, dem Produzenten, den Musikern, jedem der beteiligt war. Jetzt entwickeln sich die Songs so, wie ich sie mir immer vorgestellt habe und jeder sagt 'ah, das ist also, was Du meintest'. Ich bin sehr froh darüber, dass ich meine Vorstellungen umgesetzt sehe."
Auf dem Album sind einige illustre Musiker zu hören, die jedoch - bis auf Gitarrist Axel Scholpp von den Farmer Boys - den meisten Rock- und Metal-Fans eher unbekannt sein dürften, als Session-Musiker jedoch einen hervorragenden Ruf genießen. "Einige der Musiker habe ich selber ausgewählt", erklärt Tarja. "Ich habe sie dem Produzenten und der Plattenfirma vorgeschlagen und sie hatten damit kein Problem. Ich habe auch Listen von Musikern bekommen, denn zunächst hatte ich mit Leuten darüber gesprochen, was für einen Typ Musiker ich gerne hätte, welche Stile sie zu spielen im Stande sein sollten. Ich wollte künstlerisch aufgeschlossene Musiker, die nicht nur einen Stil spielen können. Ich denke dieses Album lässt sich nicht so einfach kategorisieren und dafür brauchte ich Musiker, die vorurteilsfrei sind und jeden Stil spielen können, wenn ich sie danach frage."
Da wäre beispielsweise Doug Whimbish am Bass, der bereits für Living Colour, Annie Lennox, Joe Satriani, Jeff Beck, Madonna und sogar die Rolling Stones gespielt hat. "Er wurde mir von meiner Plattenfirma vorgeschlagen und es war großartig, dass er das Angebot angenommen hat", zeigt sich Tarja davon begeistert einen so erfahrenen Musiker für ihr Album gewonnen zu haben. "Er wird auch auf Tour mit uns spielen, was fantastisch ist. Aber alle Musiker, die an dem Album gearbeitet haben, sind großartige Künstler und sie brachten auch viel Input in das Album ein. Ich war sehr froh darüber, dass sie die Musik lebten und nicht nur spielten, um mich glücklich zu machen." Tarja gebahrte sich also nach eigener Aussage nicht als Diktatorin, die den bezahlten Musikern detaillerte Vorschriften machte; ganz im Gegenteil. "Wir haben Gitarre, Bass und Schlagzeug in Irland aufgenommen. Meine Band bekam die Songs erst kurz vor Beginn der Aufnahmen. Sie haben dann in Irland für mehrere Tage als eine Band gemeinsam geprobt. Bei den Aufnahmen war dann ja noch der Produzent anwesend und ich natürlich. Es war also eine Reihe von Leuten, die Ideen und Vorstellungen ausgetauscht haben, was wirklich spannend war. Alle haben ihren eigenen Stil und ich wollte, dass sie genau das zum Album beitragen, deshalb habe ich sie auch ausgewählt." Ein Wunschkandidat Tarjas war der Schlagzeuger Earl Harvin. "Ich sah ihn bei einem Konzert von Seal" berichtet sie von ihrer ersten Begegnung mit dem Drummer. "Ich kam um Seal zu sehen und am Ende habe ich das ganze Konzert über nur den Schlagzeuger angestarrt. Er war unglaublich. Er hatte das kleinste Drumset, das ich jeh gesehen habe, aber seine Performance war so explosiv. Da dachte ich mir 'wow, das ist genau das, was ich brauche!'"
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Auf Tour wird Earl Harvin, der auch schon für Air und die Pet Shop Boys hinter den Kesseln saß, jedoch aus Zeitgründen nicht dabei sein können. Doch Ersatz war schnell gefunden. "Mike Terrano wird auf Tour mein Drummer sein. Er ist ein alter Freund von mir. Wir haben für Jahre auf den gleichen Festivals gespielt und auf der ersten Europatournee von Nightwish haben wir damals Rage supported. Er ist eine großartiger Typ, eine großartige Persönlichkeit."
Bei den anstehenden Live-Gigs wird Tarja auch von einer ganz speziellen Person aus ihrem Leben auf der Bühne unterstützt werden, wie sie mir verrät. "Ich freue mich sehr darüber meinen kleinen Bruder Toni mit auf Tour bringen zu können. Er
ist so talentiert, da will ich ihm eine Chance geben, in das Musikbusiness reinzuschnuppern, die Leute und die Welt kennen zu lernen. Er ist ein Multi-Talent. Sein Hauptinstrument ist das Schlagzeug, aber er ist auch ein hervorragender Sänger - viel besser als ich. Auf Tour wird er ein elektronisches Drumset haben sowie Gitarre und Keyboard. Er wird also das spielen, was für den jeweiligen Song gerade gebraucht wird. Er wird auch einige Duetts mit mir singen." Und noch ein bekannter Name wird auf der Bühne zu sehen sein. "Wir werden auch immer mindestens einen Cello-Spieler mit dabei haben. Das wird übrigens Max Lilja sein, der früher bei Apocalyptica war."
Bei Nightwish war es Tarjas erste Aufgabe, die Visionen eines anderen Künstlers, Tuomas Holopainen, umzusetzen, der sämtliche Songs und auch alle Texte für Nightwish geschrieben hat und sich bei letzterem nach wie vor nicht reinreden lässt. Als Solokünstlerin kann Tarja sich nun viel mehr in den Entstehungsprozess der Lieder einbinden, die sie später performt. "Ich war bei neun der 14 Songs in der Entstehung beteiligt, seien es die Lyrics, die Musik oder beides. 'Oasis' hingegen ist allein mein Song", erzählt sie mir nicht ohne einen Anflug von Stolz in der Stimme.
Was für Metal-Bands sehr ungewöhnlich ist, aber im Popbusiness auf der Tagesordnung steht, ist die Arbeit mit externen, bezahlten Songschreibern, eine Strategie die auch für "My Winter Storm" angewendet wurde. "Am Anfang hat Universal jede Menge Songschreiber kontaktiert und sie darum gebeten neue Songs zu liefern", beschreibt Tarja den Entstehungsprozess des Albums. "Sie haben ihnen gesagt, was für eine Art von Songs ich haben wollte oder was der Spirit sein sollte. Aber nicht mehr als das, wir haben ihnen also nicht gesagt, um was es in den Texten gehen soll. Ich habe mir dann die Songs angehört ohne darauf zu achten, wer sie geschrieben hat, denn wenn man weiß, von wem der Titel kommt, hört man ihn sich anders an weil man schon mit bestimmten Vorstellungen an die Sache rangeht. Wenn mir ein Song gefallen hat, habe ich den Komponisten kontaktiert und gefragt, ob wir uns treffen können, um über den Song zu reden. Und so landeten wir dann alle auf Ibiza, ein Ort wo ich eigentlich nie unbedingt hin wollte", erzählt mir Tarja mit einem entschuldigendem Lachen. "Ich hatte da immer dieses Vorurteil von Parties und Raves im Kopf, aber wir hielten uns auf der anderen Seite der Insel auf und bekamen davon gar nichts mit. Mein Keyboard-Spieler wohnt dort und lud uns ein. Ich traf also die Komponisten, die bereits Songs für mich geschrieben hatten und am Ende hatten wir binnen einer Woche sechs weitere Songs geschrieben. Das war wirklich aufregend und inspirierend."
Am Ende war es aber Tarja selbst, die die kreative Kontrolle behielt und die stilistische Richtung vorgab. Diese Freiheit zum künstlerichen Ausdruck ist etwas, das sie in ihrer alten Band in der Form natürlich nicht erlebt hat. "Es unterscheidet sich sehr von der Arbeit innerhalb einer Band. Es ist schon irgendwie befreiend, denn in einer Band gibt es bestimmte Dinge, die man einfach nicht tun kann. Man hängt zum Beispiel an einem gewissen Stil und in einer Band will auch jeder auf jedem Song zu hören sein. Als Solokünstlerin kann ich verschiedene Dinge ausprobieren, verschiedene Stile spielen. Ich kann in einem Album meine eigene Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Das ist ein großartiges Gefühl und ein hohes Maß an Freiheit. Die Vision, die ich schon vor drei Jahren von dem Album hatte, wie es klingen sollte, was für Gefühle es transportieren sollte, ist nun Realität geworden und ich bin sehr glücklich, dass ich das für mich so umsetzen konnte."
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