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Hot Chip - Der Fluch der Wiederholung

Knapp zwei Jahre nach dem gefeierten "The Warning" haben Hot Chip ihr drittes Album aus der elektronischen Dunkelkammer bzw. ihrem Schlaflabor hervor gezaubert. Die Kategorisierung "elektronisch" bleibt nach wie vor relativ, auch 2008 fühlen sich die Londoner nicht als Elektroband, geschweige denn trendige Clubber. Ihren Szene-Hit "Over And Over" haben sie noch niemals auf einem Dancefloor gehört und den Zeichenblock verzieren sie nicht mit Schaltplänen sondern Bat-Symbolen. Aber was soll man auch von Typen erwarten, die sich im Video schonmal eine Joker-Fratze schminken? "Made In The Dark" eben! Am Ende eines langen Promotages und kurz vor dem Nachtflug nach Paris erklären die Multiinstrumentalisten Alexis Taylor und Owen Clarke das Konzept hinter dem Konzept und den nicht vorhandenen Zwang zur Wiederholung. Licht aus, Spot an!



Wenn "Made In The Dark" sich zwischen den Boxen ziemlich breit in den Raum hängt, dann hat das einen handfesten Grund: Hot Chip haben die Sicherheitszone ihres Schlafzimmers verlassen und sich - zumindest partiell - in ein "echtes" Studio begeben. Schlafzimmer? Aber selbstverständlich! Owen:"Es gab da diesen Typen, der unbedingt unser 'Bedroom Studio' fotografieren wollte. Als er sah, dass es sich dabei um ein echtes Schlafzimmer mit ein paar Computern handelte war er völlig fertig!" Nicht zu Unrecht - oder? Er grinst:"Genau so haben wir aber bisher gearbeitet, weshalb wir es dieses Mal auch auf die 'konventionelle' Art und Weise versuchen wollten. Was für uns dann zum Experiment wurde!" Um nicht gleich zu übertreiben entstanden "drei Stücke komplett im Studio", während man den Rest wie gehabt im Schlafzimmer einspielte und mit Studioaufnahmen verschmolz. Alexis, der mit seinen 1,60 Metern regelrecht in einem XXXL De La Soul-Shirt zu ertrinken droht, blickt von seinem Zeichenblock auf und über den Rand seiner Super-Hornbrille:"Die verschiedenen Stimmungen der unterschiedlichen Aufnahmeorte haben dazu geführt, dass das Album unterschiedliche Herangehensweisen an Musik vereinigt. Die Studioteile entstanden mehr oder weniger live und spontan!" Gewaltige Unterschiede zu "The Warning" kann er trotzdem nicht erkennen, allerdings scheint die stundenlange erzwungene Konfrontation mit dem Riesenposter einer nicht mehr ganz jungen britischen Gitarrenband ihre Wirkung nicht zu verfehlen:"Naja...zu große Veränderungen sollte man nicht erwarten, nur weil wir in einem Studio waren verwandeln wir uns nicht plötzlich in Placebo! Manche Passagen klingen größer, sind klanglich etwas eindrucksvoller. Im selben Moment treten die Extreme deutlicher hervor, es gibt ruhigere Songs mit erheblich weniger Verzerrungen, während andere ziemlich aufdrehen. Ich glaube, dass unsere Stücke noch niemals mit so wenigen Instrumenten auskamen, so nackt klangen!"

 



Owen nimmt den Ball auf:"Die intime, persönliche Klangqualität ähnelt eher unserem Debut 'Coming On Strong'! Und Alex:"Auf jeden Fall, 'The Warning' entstand unter enormem Druck, wir wollten damals unbedingt weiterkommen. Bei 'Made In The Dark' verspürten wir dagegen wieder den Spaß und die Naivität unseres ersten Albums!" Aber auch wenn man mit "The Warning" "weiterkommen" wollte, gibt Alex unumwunden zu, dass die euphorischen Reaktionen die Band irritierten - als sie schließlich eintrudelten:"In England waren die Kritiken zunächst durchwachsen, erst am Jahresende tauchte es plötzlich in allen 'Best Of'-Polls auf." Er schüttelt den Kopf:"Manche Leute können ihre Meinung ziemlich schnell ändern! Aber selbstverständlich ist es trotzdem eine coole Sache, wenn Dein Sound gemocht wird!" Owen:"Es ist wirklich schräg, erst zerpflücken sie ein Jahr lang Deine Einflüsse und Plattensammlung, halten Dich für ein wenig bescheuert und dann erklären sie Dich zum Klassiker!" Alex:"Scheinbar brauchte das Publikum eine gewisse Anlaufzeit um sich darüber klar zu werden, wie wir drauf sind, was wir machen und ob wir cool oder uncool sind!" Mit einem Grinsen:"Ich verstehe zwar kein Deutsch habe aber den Eindruck, dass Euere Presse weniger Probleme mit 'The Warning' hatte!" Naja...Harmonia? Kraftwerk? Cluster? Tangerine Dream? Mag ja sein, dass wir Teutonen nicht wirklich in der Lage sind zu rocken, wie man Knöpfchen drückt, wissen wir - im Guten wie im Bösen - aber schon seit geraumer Zeit!

Aber zurück zur britischen Szene, welche Reaktion erhofft man sich dieses Mal? Immerhin gibt es kaum etwas Härteres als den Morgen nach der Party, den Tag nach der Revolution oder das Album nach dem "Klassiker"; Alex:"Keine Ahnung! Seit wir 2006 für den Mercury Award nominiert wurden hat sich die Hot Chip-Rezeption in England drastisch verändert, auf einmal waren wir in aller Munde und niemand traute sich mehr öffentlich zuzugeben, dass er unsere Musik vielleicht doch nicht so toll findet. Ob dieser Effekt für 'Made In The Dark' noch trägt...abwarten! Sicherlich wäre es nett, wenn diese Platte mehr Käufer als die Letzte findet und da ich persönlich sie darüber hinaus auch für besser als 'The Warning' halte, möchte ich selbstverständlich schon, dass sie Gehör findet. Das Gute an Hot Chip ist jedoch, dass wir dem Publikum nicht mit aller Macht aufgezwungen und überall beworben werden. Wir laufen nicht rund um die Uhr im Radio. Wir sind keine Band, die plötzlich mit einem Knall auftaucht und genauso schnell wieder in der Versenkung verschwindet, wir sickern langsam in den Mainstream und momentan befinden wir uns in der leicht absurden Situation, dass ein Teil des Publikums immer noch dabei ist 'The Warning' zu entdecken während der Rest schon ungeduldig den Nachfolger erwartet!"

Entsprechend hatte man keine Angst vor der dem Fluch der Wiederholung oder öffentlichen Erwartungshaltungen, sondern startete eines Tages einfach mit den Aufnahmen zum dritten Hot Chip-Album, Alex:"Uns ging es in allererster Linie darum eine interessante LP zu machen, weniger um das kommerzielles Potential oder irgendwelche Strategien. Das einzige Konzept bestand darin, dieses Mal wirklich allen Bandmitgliedern Platz einzuräumen, auch denen die auf den ersten beiden LPs eindeutig unterrepräsentiert waren. Da diese nahezu komplett von mir, Joe und Owen aufgenommen wurden, kamen nach den Shows immer wieder Leute und fragten wieso die Platten so anders klingen als die Konzerte. Diese Diskrepanz wollten wir loswerden. Auf der Bühne haben wir schon immer mit Techno- und House-Beats gearbeitet und genau diese pumpende Energie, die Hot Chip live für Publikum und Band so aufregend macht, wollten wir einfangen. Andererseits kann so etwas zuhause aber auch schnell langweilen und da wir keine eindimensionalen Klänge mögen, beschlossen wir auch unserer introspektiven Seite mehr Raum zu geben!"

Hot Chip - Der Fluch der Wiederholung Seiten 1 2

 

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