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Ihre Geschichte ist in Büchern und Filmen schon oft erzählt, ihre Musik mit Nachfolge-Projekten wie Neues Glas aus alten Scherben wiederbelebt worden. Nicht immer zur Begeisterung der Fans.
Nun sorgen einmal mehr die echten Scherben, die ehemaligen Mitstreiter Rio Reisers für glaubwürdige und wenig reißerische Geschichtsschreibung.
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Bassist Kai Sichtermann veröffentlichte im Jahr 2000 sein Buch "Keine Macht für Niemand. Die Geschichte der Ton Steine Scherben", das nun von der Schauspielerin Anke Colmorn und Marius del Mestre, dem 1981 zur Band gestoßenen Gitarristen, eingelesen wurde. Am 30. Mai ist das Hörbuch als 5-CD-Box erschienen, und um das Ganze vorzustellen und in einen angemessenen atmosphärischen Kontext zu bringen, begaben sich am selben Abend sowohl Colmorn wie auch mit del Mestre, Sichtermann und Funky Götzner ein Teil der Ton Steine Scherben Family auf die Bühne des Berliner RAW-Tempels.
Ob nun die vorangegangene Publicity versagt hatte oder die 9 Euro Eintritt viele davon abgehalten hat zu kommen - die Besucherzahl hielt sich in einem sehr überschaubaren Rahmen. Was allerdings der gemütlich-familiären Stimmung des Abends zugute kam und die sonst herrschende Distanz zwischen den Leuten auf und denen vor der Bühne zu späterer Stunde sogar aufbrach. Anfangs allerdings noch etwas kritisch beäugt lasen alle vier Beteiligten abwechselnd einzelne Kapitel des Buches vor, erzählten launige Anekdoten und sangen alte Klassiker.
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Ein wenig improvisiert wirkte die Veranstaltung bisweilen, offenbar war vorher nicht viel geprobt worden. Aber auch das lockerte die Atmosphäre einmal mehr auf und forderte zudem das Unterhaltungstalent von del Mestre heraus. Denn die Choreografie an sich stimmte: Lesungen und Songs wechselten sich in kurzweiliger Folge ab und führten gemeinsam und anschaulich durch die Geschichte der Ton Steine Scherben, die Höhen und Tiefen, Humor und Tragik bietet.
Eröffnet wurde der Abend passend mit "Guten Morgen". Im Folgenden wurde von der Namensfindung und dem ersten Auftritt als Ton Steine Scherben auf dem "Festival der Liebe", das am Ende in Flammen aufging. Götzner erinnerte sich, wie er mit einer Anzeige "Schlagzeuger zwischen Mao und Zen" in der Band aufgenommen wurde, warum sie Kinderlieder aufnahmen und wie sie 1979 Songtexte nach Tarotkarten schrieben. All das wurde entweder als Lesung oder im gegenseitigen Interview dargebracht, und vor allem die drei ehemaligen Scherben hatten sichtlich Spaß an den alten Geschichten. Mit humorigen Einwürfen ließen sie authentisch, bildhaft und unverkrampft vergangene Zeiten wieder aufleben. Nur Anke Colmorn blieb bei ihren Vorträgen seltsam unbeteiligt, steif und professionell.
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Der Chronologie der Bandgeschichte folgte die wirklich hervorragende Liedauswahl. Das zunächst sehr zurückhaltende Publikum wurde eingestimmt mit alten Klassikern wie "Warum geht es mir so dreckig", "Sklavenhändler", "Der Traum ist aus" und natürlich "Keine Macht für Niemand". Die zweite Hälfte wurde mit "Land in Sicht" eröffnet und wartete mit einem Kinderlied aus der teils unveröffentlichten "Struwwelpeter-Revue" und dem Brühwarm-Song "Irrenanstalt" auf. Ganz entspannt brachten Götzner am Cajón und Sichtermann am Bass ihre Werke zu Gehör. Mit der instrumental abgespeckten Akustikversion der Songs korrespondierte der Gesang von del Mestre ganz wunderbar, der mit Hingabe singt und Rio stimmlich erstaunlich nahe kommt.
Das Alles verkam glücklicherweise nie zu einer reinen Nostalgieveranstaltung, sondern wurde amüsant und verschmitzt vorgetragen, ohne dass sich die Beteiligten selbst zu ernst nahmen. Und auch wenn es den ganzen Abend geschienen hatte, als würden sich die paar Leutchen im Publikum, vor allem die in den ersten drei Sitzreihen, kaum von der Musik mitreißen lassen, weil sie diese eher regungslos hinnahmen, klatschten die Zuschauer doch lebhaft und einmündig die Band zu zwei Zugaben raus. Belohnt wurden sie dafür mit "Junimond", "Der Turm stürzt ein" und "Halt dich an deiner Liebe fest". Was hätten sie uns Besseres mit auf den Nachhauseweg geben können?
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