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Zunächst spielen um 12 Uhr ein paar Landsmänner von uns auf. Mit Birth Control erfreut eine echte Krautrock-Legende auch holländische Fans, wie wir nachher von einer Niederländerin erfahren. Ich kann es nur immer wieder sagen: Klasse, diese Vielfalt! Selbstverständlich schließt die Band um Bernd Noske das Set mit dem Klassiker des deutschen Partyrock, dem Dauergast der Fetenhits-CDs, "Gammy Ray" in der endlosen Jam-Fassung. Doch unser Interesse gilt verstärkt Tesla, die anschließend auf der großen Festival Stage spielen. Die Band aus Sacramento leitet bei drückender Mittagssonne mit "Cummin' Atcha Live" ein furioses Set ein. "Mann, wir waren viel zu lange weg! Das letzte Mal, dass wir für Euch gespielt haben, muss wohl so 1992 gewesen sein", entschuldigt sich Sänger Jeff Keith. Das ist wahrhaftig ein lange Zeit, die allerdings nach wenigen Songs vergessen ist. "Modern Day Cowboy", "Little Suzie" oder "Ez Come Ez Go" werden mit sichtbarer Spielfreude präsentiert, und man hat das Gefühl, dass Tesla nach 24 Jahren Bandgeschichte auf einmal zahlreiche neue Fans dazugewonnen haben. Mehrfach höre ich: "Mensch, was für eine geniale Band, die kannte ich noch gar nicht." Wie wahr! Tesla ist eine absolute Spitzenband, die sich offenbar in der Form ihres Lebens befindet. Die Messlatte ist schon wieder extrem hoch.
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Der unbestrittene Gott der Gitarre ist Joe Satriani. Keiner spielt wie er, und die Großen haben alle von ihm gelernt. Kein Wunder also, dass ein riesiger Mob von Gitarren-Jüngern an der Rock Stage rast, als der Meister die Bühne betritt. Mit "Flying In A Blue Dream", "Surfing With You" und "Starry Night" spielt er auch unsere Favoriten. Wir müssen allerdings, wie manch andere Semi-Fan erkennen, dass anderthalb Stunden meisterhafte Gitarrenarbeit auch als Zuhörer bzw. Zuschauer ganz schön anstrengend sein können. Und so gönnen wir uns nebenbei einen saftigen Burger. Hamburgare nennt der Schwede das.
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Nicht ganz so begabt auf den sechs Saiten und trotzdem konkurrenzloser Kult ist Ace Frehley. Der ehemalige Kiss-Gitarrist zieht die Massen zur Festival Stage, wie ich es selten erlebt habe. Aber der Spaceman lässt sich Zeit. Mit fünfzehn Minuten Verspätung betritt er die Bühne, aber niemand ist ihm böse. Das ist eben Ace! Und wenn er dann noch ein solches Hammerset runterrockt, mit "Rock Soldiers", "Snowblind", "2,000 Man", dann sind nicht nur Kiss-Fans aus dem Häuschen. Für die gibt es dann aber noch "Parasite", "Shock Me", "Rocket Ride" und "Love Gun". Mehr geht fast nicht, vielleicht noch "Torpedo Girl". Nur einige unwissende Kiss-Feinde wagen es, den Spaceman zu kritisieren. Da kann ich nur sagen: Leute, das ist Ace Frehley!
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Genial! Wir könnten jetzt eigentlich schon nach Hause fahren, so viel Grandioses haben wir gesehen und erlebt. Aber ich lasse mir doch nicht Hanoi Rocks entgehen! Die Finnen um Michael Monroe drehen wieder extrem am Rad. Im Fotograben rieche ich Make-Up und Puder, Frontmann Monroe bedient unterdessen sein Saxophon. Hat der vorher eine Spritze bekommen (bzw. genommen)? Er wirkt jedenfalls wie angestochen. Die Wahnsinnigen von Hanoi Rocks haben offensichtlich ihre Vorgänger beobachtet und geben 200 Prozent. Was ist das für ein Tag? Ein Höhepunkt jagt den nächsten. Whitesnake folgen. 2006 waren David Coverdale und Co. noch Headliner am letzten Tag, dieses Mal hatte es nur für den Co-Headliner-Spot gereicht. Oder war das gewollte? Derzeit befinden sich die Snakes mit Def Leppard in Europa auf (gleichberechtigter) Tournee, da passte ein gemeinsamer Festival-Tag natürlich bestens in den Terminplan.
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Mit "Best Years", einem der tragenden Songs des neuen Albums, eröffnen Whitesnake den Abend. Das Publikum feiert zwar, doch Coverdale ist stimmlich nicht ganz auf der Höhe. Macht aber nix, wenn man so eine Spitzenband dabei hat. Der Longplayer "Good To Be Bad", den Coverdale gemeinsam mit Gitarrist Doug Aldrich schrieb, passt ideal in die energiegeladene Whitesnake-Performance. Im Publikum feiert auch Jeff Scott Soto mit, der eigentlich am Vortag mit Uli Jon Roth hätte auftreten sollen. Nun gönnt er sich das Sweden Rock Festival, auf dem er selbst schon so oft spielte, als Fan. Sinnbildlich für die Stimmung auf dem Gelände drückt er seine Freundin fest an sich, als "Is This Love?" ertönt. Stimmprobleme hin oder her, Whitesnake können eine der besten Rockballaden aller Zeiten für sich verbuchen. Und die ist "unkaputtbar".
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Saxon oder Ministry heißt die nächste schwer Entscheidung. Dank "I've Got To Rock To Stay Alive", der gemeinsamen Hymne von Saxon mit Lemmy Kilmister und Angry Anderson, befinden wir uns im Saxon-Rausch. Die Briten werden von den sympathischen Mädels von Crucified Barbara angekündigt. Und Biff Byford und Co., die sich gefühlt auf mehr Festivals befinden als irgendeine andere Band, werden von uns erneut angefeuert. Bei Saxon kann man doch auch nichts falsch machen, schließlich haben sie zahlreiche Metal-Hymnen im Gepäck und sind ein gutes Stück NWOBHM-Geschichte. Doch die Neugier übermannt uns, wir schauen bei Ministry vorbei. Hinter einem Gitterzaun und mit hektischer Licht- und Videoshow überfordert die einstige Synthie-Pop-Band uns audivisuell. Mist! Das hätten wir uns wahrscheinlich komplett anschauen sollen, aber dafür sind wir zu wenig Kenner. Angesichts der Tatsache, dass Ministry sich auf Abschiedstournee befinden, wird mir ganz mulmig, aber das hätten wir uns früher überlegen müssen. Wir gehen zurück zu Saxon. Wenn schon, denn schon! Und gerade rechtzeitig sind wir zurück, denn Biff kündigt einen Song an, der ursprünglich gemeinsame mit Lemmy und Angry aufgenommen wurde. Alles klar? Da wird noch mal richtig abgefeiert. Es bestätigt sich, dass Saxon auf jedem Festival ein Garant für gute Stimmung ist. Einfach klasse, was die alten Säcke zu bieten haben. "Dies ist das größte Sweden Rock Festival aller Zeiten", jubelt Biff. Er hat Recht.
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Die Geschichte wiederholt sich. Vor zwei Jahren waren Def Leppard ebenfalls am dritten und vorletzten Tag der Headliner auf dem Sweden Rock Festival. Ob das nun so kreativ ist, dass sie schon wieder da sind, ist fraglich, aber im Rahmen der Vielfalt passt das. Auch Def Leppard waren mal eine NWOBHM-Band, aber davon haben sie sich inzwischen weit entfernt. Der neue Longplayer "Songs Form The Sparkle Lounge" ist immerhin eine teilweise Rückkehr in alte Zeiten. Zumindest ansatzweise hört man den wuchtigen Sound der 80er raus. Die echten 80er gibt's natürlich obendrauf. "Hysteria", "Gods Of War", "Animal" und "Pour Some Sugar On Me" sind Selbstgänger. Und während "Love Bites" die Feuerzeuge zücken lässt, erfreut "Foolin'" die Oldschool-Leppard-Fans, die "Pyromania" für das beste Album halten.
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Die Oberposer Phil Collen und Vivian Campbell entledigen sich trotz der eisigen Abendtemperaturen mal wieder ihrer Kleidung und zupfen mit freiem Oberkörper die Seiten. Okay, wir sehen, dass ihr trainiert habt! Frontmann Joe Elliott lässt das Hemd sicherheitshalber an, der Mann hat anscheinend zugenommen. Die Setlist stimmt, der Sound stimmt, der Auftritt stimmt, und trotzdem will die ganz große Stimmung bei uns nicht aufkommen. Habe ich Def Leppard schon zu oft gesehen? Paradoxerweise ist der Auftritt objektiv um einiges besser als vor zwei Jahren (bis auf das Fehlen von "Wasted"!), doch subjektiv tangiert mich das 2008 wenig. Schade!
Wer stand sonst noch auf der Bühne? Royal Hunt, Svölk, Axewitch, Shakin' Street, Carcass und MUCC konnten wir leider nicht erleben. Fastway haben wir uns gespart, da Fast Eddie schon im letzten Jahr in Sölvesborg war. Dass wir die Poodles verpasst haben, ärgert mich hingegen deutlich mehr. Und dass die Verantwortlichen des Festivals noch nicht bemerkt haben, dass das Publikum aus aller Welt kommt, wundert mich auch. Alle Ansagen sind in schwedischer Sprache, und wir verstehen kaum ein Wort. Auf zum Zelt ...
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