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Der witzigste Teil des Abends passierte allerdings schon beim Weg zur Halle. Auf dem benachbarten Flughafen Tempelhof war zeitgleich der zweite Abend des Berlin Festivals am Start. Wer genau am Samstag abend dort auftrat, war den Alice in Chains - Fans nicht klar, aber auf dem Weg von Bus, U-Bahn oder Parkplatz konnte man mit nahezu 100%iger Trefferquote die Fans aufteilen, obwohl sie anfangs noch denselben Weg zurückzulegen hatten.
Überschminkte Tussen in rosa oder weiß, überkandidelte Abendkleidträgerinnen, südländische Kellner des Nicht-wirklich-Italiener-Italieners um die Ecke mit Sprüchen wie 'isch 'abe Goldkättchen un offenes weises Hämd für disch angezogn' - bitte nach rechts! Coole Typen mit Drei- bis Unendlich-Tagebart, ausschließlich schwarzer Kleidung von total ausgewaschen und zerrisssen bis zum original Alice In Chains - Shirt von 1993, sowie all diejenigen, die nicht nur (aber auch) beim Anblick von Shampoo und Deo Selbstmordgedanken hegen - bitte nach links!
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Nun aber genug der Klischeehaftigkeit. Denn Alice In Chains selbst sind eben NICHT zu einem solchen verkommen - eine Sache die nach 15 Jahren Abstinenz nicht unbedingt selbstverständlich ist. Ein Konzert, wie es Fans mögen: 21 Uhr Beginn laut Ticket und Postern - um Punkt 21.05 Uhr betraten Alice In Chains die Bühne. Keine dumme Vorband, die eh keiner sehen will, keine ewigen Umbauphasen, kein viel zu später Beginn. Wenn eine Legende die Bühne betritt, ist auch bei stellenweise recht langsamer, weinerlicher Musik erstmal Ausrasten angesagt.
Natürlich war der Club bis auf das letzte Ticket ausverkauft, vor der Halle wechselten noch Tickets für unvorstellbare Summen im 100€-Bereich die Besitzer. Sollten Alice in Chains tatsächlich in der Zukunft angekommen sein?
Wenn es nach dem ging, was die Band dann exakt 2 Stunden lang ablieferte: Ja.
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Mit einem besonderen Fokus auf alte Stücke (was zu erwarten war) präsentierte sich die Band aus dem Nordwesten der USA frisch, unverbraucht und mit jeder Menge Spielfreude. Mal abgesehen von Sänger Duvall agierte die Band in Originalbesetzung. Duvall selbst versuchte gar nicht erst, den verstorbenen Ex-Sänger Staley zu kopieren. Natürlich hat er eine irgendwie an den legendären Frontmann erinnernde Stimme, wirkt aber weitaus weniger kaputt, zerbrechlich und zornig als Staley früher. Das tat den Songs keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Egal ob die härteren Stücke (die wie alle Songs in einer zum neuen Sound passenderen, etwas geschwindigkeitsreduzierten Version dargeboten wurden) - hier soll besonders die irre Darbietung von 'Them Bones' genannt werden, sowie das legendäre 'Angry Chair' - oder die drogengeschwängerten, ultrakranken langsamen Stücke des ersten Albums - Duvall machte eine gute Figur. Insbesondere das irgendwie Staleys Selbstmord ankündigende 'Lovehatelove' bot Duvall in einer beängstigenden Version dar.
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Die Gitarren kamen ultrafett und extrem präzise herüber, und auch der Bass von Mike Inez ist immer noch genauso bedrohlich wie früher. Der Sound war so perfekt, wie ein Konzertsound nur sein kann, und der zweistimmige Gesang von Duvall und Cantrell harmonierte perfekt, jeder Ton saß. Da der Sound von Alice In Chains von dieser Zweistimmigkeit lebt, ist das Harmonieren zwischen den beiden von lebenswichtiger Notwendigkeit, und diese Harmonie der ganzen Band war so offensichtlich, dass man sich auf eine glorreiche Zukunft einer Band einstellen darf, die ja eigentlich schon in der Versenkung verschwunden war.
Die Songauswahl beinhaltete natürlich alle Klassiker der Band, von 'Would' über 'Man In The Box' bis hin zum den Abend abschließenden 'Rooster'. Ein, zwei neue Stücke, darunter das großartige 'Looking In View' wurden auch intoniert, und der wohlwollende Applaus auch bei diesen Stücken zeigt, dass auch die 'neuen' Alice In Chains angenommen wurden. Lediglich 'Down In A Hole' und das geniale 'Dirt' fehlten leider.
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Alles in allem boten Alice In Chains ein perfektes Konzert dar - eine Show war das nicht, denn Show gab es nicht, sondern einfach nur Heavy Metal, tonnenschwer. Es war schmutzig und heiß ohne Ende; verschwitzt, kaputt, alkoholgeschwängert und fertig, aber extrem zufrieden quollen die Fans aus der Tür. Mögliche Bedenken wegen der für Schweinegrippenverteilung extrem günstigen Luft im Club zerstreute ein Begleiter mit den Worten: 'Pah, der Cantrell hat die Viren mit seinen Riffs plattgemacht, bevor die überhaupt piep sagen können.'
Ein großer Abend für alle Beteiligten und mit Sicherheit allem vorzuziehen, was die abendkleidtragenden Goldkettchenträgerbegleiterinnen nebenan erleben mußten.
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