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Airbourne - 'Wir haben Joel an der Tankstelle vergessen'

Seit Wochen schon ist die Große Freiheit 36, jene legendäre Halle leicht abseits der Reeperbahn, ausverkauft. In Hamburg hatten Airbourne bereits 2008 zweimal für Furore gesorgt. Mit dem so wichtigen zweiten Album 'No Guts. No Glory.' im Gepäck kehren sie in die Hansestadt zurück. Und damals wie heute gibt Gitarrist David Roads vor der Show gern Antwort auf ein paar Fragen von Whiskey-Soda.


Mit heiserer Stimme erklärt David, dass die Umstellung vom australischen Wetter auf den kanadischen Winter, durch den Airbourne mit Mötley Crüe tourten, nicht ohne Spuren geblieben ist. Es fordert eben seinen Tribut, wenn man kaum noch zuhause ist. Apropos zuhause, da war doch was? Beim letzten Interview erzählte David, dass er und seine Kollegen aktuell kein Zuhause haben. 'Daran hat sich auch nichts geändert', lacht der Gitarrist. 'Wir wohnen immer noch im Bus.'

 

Dann erzählt er mir die lustige Geschichte davon, wie Joel an einer Tankstelle in Finnland vergessen wurde, weil er nicht Bescheid gesagt hatte, dass er zum Pinkeln geht. Nach einer Stunde erst fiel seine Abwesenheit auf. Da saß der Frontmann schon längst auf einer Polizeiwache, da er ohne Mobiltelefon und Sprachkenntnisse keine andere Chance sah, als von der Wache nach Australien zu telefonieren. Seine Familie rief den Manager und dieser den Tourmanager an, bevor der Bus umkehrte.

Wenn sie nicht gerade Joel aufsammeln müssen, geht der Weg für Airbourne nur nach oben. In Deutschland steht 'No Guts. No Glory.' am Tag des Konzerts auf Platz 4 der Albumcharts. Das Rezept der treibenden Riff-Rocksongs funktioniert, es ist ja auch so gut, wie es alt ist. Für den Otto-Normal-Hörer mag kein großer Unterschied zum Vorgänger 'Running Wild' auszumachen sein, doch mein Gesprächspartner aus Warrnambool weiß: 'In vielerlei Hinsicht ist das neue Album anders. Das Songwriting ist beispielsweise vielseitiger. Außerdem haben wir es im Gegensatz zum letzten Album live und direkt aufgenommen.'

 

Nach dem grandiosen Debüt haben Airbourne die Messlatte für sich selbst noch höher angesetzt. 'Wir sind stärker geworden als Band', findet David. 'Aber wir haben immer noch denselben Sound. Man will sich ja auch nicht zu weit davon entfernen, das kann gefährlich sein. Und hör Dir zum Beispiel Motörhead an, die haben immer dieselbe Richtung gehabt.' Angesprochen auf das gelungene Albumcover von 'No Guts. No Glory.' erklärt David: 'Das war Ryans Idee. Er sollte aussehen wie ein 80er-Jahre-Filmposter. So wie bei Indiana Jones oder Lethal Weapon. Alles, was im Film passiert, ist auch auf dem Poster. Und alles, was auf unserem Album besungen wird, sollte auf das Cover.'

Ob es ihn langsam nerve, dass die Band mit AC/DC verglichen wird, frage ich David. 'Wenn es mich jetzt schon nerven würde, hätte ich ein Problem', lacht der Gitarrist und denkt langfristig. 'Denn das werden wir sicherlich die nächsten 20 Jahre zu hören bekommen. Wir sind stolz darauf, mit der Band verglichen zu werden. Das ist halt der Aussie-Sound, AC/DC, Rose Tattoo, The Angels und Jimmy Barnes. Das ist der australische Pubrock-Sound, da hat ein großer Teil dieser Musik angefangen.' Ob er sich vorstellen könnte, als Vorband für AC/DC aufzutreten, frage ich David. 'Das wäre großartig', sagt der Gitarrist. 'Ich hoffe, dass sich die Chance vielleicht irgendwann noch mal ergibt.'

 

Selbst für den nimmermüden Angus Young dürfte das ein Tritt in den Allerwertesten sein. Auch heute starten Airbourne furios in ihr Set, allerdings nicht, wie ich erwartet hätte, mit 'Born To Kill', sondern mit dem hymnenhaften 'Raise The Flag'. Sofort kocht das Publikum, dass zuvor mit Sprechchören den Auftritt der Australier eingefordert hatte. Jeder Song kracht, dass sich die Balken in der altehrwürdigen 'Freiheit' biegen. Und im Moshpit-ähnlichen Getümmel vor der Bühne ist ohnehin längst Ausnahmezustand. (Eine vergleichbar extatische Stimmung hab ich dort zuletzt 2004 bei Velvet Revolver erlebt.) Mittlerweile hat sich 'Girls In Black' als echter Showstopper im Mittelteil herauskristallisiert, der bei keinem Konzert mehr fehlen darf.

Mitten im Song springt Frontmann Joel plötzlich von der Bühne, während die Rhythmussektion, bestehend aus Schlagzeuger Ryan O'Keefe, Bassist Justin Streets und Rhythmusgitarrist David, Schwerstarbeit leistet. Hektische Blicke im Saal. Wo ist Joel? An sich drehenden Köpfen und sich erhebenden Fäusten kann man seinen Pfad durch das Publikum erahnen, bis er den Tresen erklimmt, um dort sein Solo zu spielen. Seine Tour führt ihn über mindestens einen weiteren Tresen bis auf den Oberrang, bevor er unter frenetischem Jubel wieder auf der Bühne erscheint.

 

Obligatorisch bei jedem Airbourne-Konzert ist mittlerweile auch eine richtig blöde aber gleichermaßen unterhaltsame Szene. Der auf der Bühne wie wahnsinnig agierende Joel nimmt eine Halbliterdose Bier und schlägt sie so häufig gegen seinen Kopf, bis das gute Pils herausströmt. Ein jugendlicher Fan fängt das gute Stück und freut sich darüber noch beim Verlassen der Halle. Vorher erlebt er mit 'Running Wild' und 'Stand Up For Rock'n'Roll' zwei fantastische Zugaben, die nach 'Girls In Black' zweifelsohne der Höhepunkt des Abends sind.

Beide Songs haben sich mittlerweile als beliebte Hymnen etabliert, die in der Setlist nicht mehr fehlen dürfen. Wo AC/DC ihr 'For Those About To Rock (We Salute You)' zünden, explodiert bei Airbourne das Rifffeuerwerk namens 'Stand Up For Rock'n'roll'. Joel O'Keefe verabschiedet sich mit den Worten, die wir vermutlich noch in vielen Jahren bei Airbourne-Konzerten hören werden, wenn es so weiter geht: 'As long as you're alive, and as long as we're alive, rock'n'roll will never ever die!' So sei es! Und eins hat David am Ende des Gesprächs noch verraten: Material für das dritte Album existiert bereits ...


 

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Philip
© 03/2010 whiskey-soda.de
 


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