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XIII. Protzen Open Air - Beschauliche Extreme (Tag 1)

Das Protzen Open Air kommt die Pubertät! Dieses Jahr wurde schon der dreizehnte Geburtstag des beschaulichen Krawall-Festivals in der Nähe von Neuruppin gefeiert - und wie immer war es gleichermaßen extrem (die Musik) wie gemütlich (die Leute, das Gelände, das Festival an sich). Das Protzen Open Air ist wie ein Freundestreffen zum Grillen im Park - nur das mal so ganz nebenbei Szenegrößen und Lokalmatadoren ihren Death Metal und Grindcore zum Besten geben. Und wenn Martin van Drunen nächstes Jahr wieder auf der Bühne steht, wird er sicher zum Inventar erklärt werden.

Den Reigen eröffneten am Freitag um 16 Uhr die Berliner Desolated, die tief in der Berliner DM-Szene verwurzelt sind. War also ein Heimspiel für die Jungs, die daher auch zu früher Stunde ein überschaubares, aber gut gelauntes Publikum im Hangar zum Abfeiern animieren konnten. Ein starker Start in das Wochenende! Eine Spur mehr Hardcore-Attitüde zeigten anschließend die Hamburger Under Falling Leaves, die den Energiepegel mit einer sehr engagierten Show hochhalten konnten. Natürlich war um diese Zeit die Hütte noch nicht voll, da viele Leute noch in Richtung Protzen unterwegs waren. Doch Under Falling Leaves meisterten die etwas undankbare Aufgabe des allmählichen Warm-Ups genauso gut wie die Deathcoreler Malizia, von denen wir leider nicht sehr viel mitbekommen (denn auch Schreiberlinge müssen irgendwann ihr Zelt aufbauen - und zwar bevor das Besäufnis losgeht...). Ein kurzer Blick in die Halle zeigte aber auch hier zufriedene Gesichter und anerkennende Beifallsbekundungen der bereits anwesenden Fans.

 

Diary About My Nightmares aus Braunschweig boten eine richtig coole Show mit trommelfellzerfetzenden Vocals der zart gebauten Frontfrau Antonie. Als Ersatz griff Torsten in die dicken Saiten, da Originalbassist Mat wegen Krankheit absagen musste. Tat dem guten Auftritt aber keinen Abbruch. Leider mussten die Herren und die Dame nach der Show alsbald abreisen, da noch am selben Abend ein Gig in der Heimat auf dem Terminplan stand. Sie haben uns aber beim sehr sympathischen Meet-and-Greet direkt nach ihrem Auftritt versprochen, das nächste Mal länger zu bleiben - offensichtlich hat es auch ihnen auf dem POA sehr gut gefallen.

Quasi vom Mittagstisch auf die Bühne stürzten sich die Neuruppiner Thrash Metaller Burning Steel in ihr Set. Die Jungs sind (zunächst noch unter anderem Namen) auch schon seit 1995(!) aktiv und wissen daher genau, wie man auf einem Festival für Stimmung sorgt. Der Death-lastige Thrash Metal von Songs wie 'Twisted Reality' oder 'Bloody Cutting Wounds' geht gleichermaßen gut ins Ohr wie in den Nacken, so dass die Show auch in einem nur etwa halbvollen Hangar richtig Spaß machte. Auch die Band war sehr vergnügt und zu einigen Späßchen aufgelegt. Als die Band einen neuen Song auspackte, meinte Sänger Thomas-Morris zu Basser Rudy: 'Ach ja, Du kannst den Song ja noch gar nicht. Macht aber nix - geht einfach A-E-A-E. Also so wie immer.' Feine Selbstironie, die das sympathische Auftreten von Burning Steel unterstrich.

Die Hessen von My Cold Embrace klingen als hätten die einen Schweden gefrühstückt. Live kommt sowas natürlich gut an, zumal die Jungs richtig tight spielen können und ganz nebenbei noch ein mit Comedyeinlagen gespickte Show boten: 'Unser Bassist hat heute Geburtstag, daher gibt’s für alle Kondome mit Bassergeschmack!' Leider war es beim Auftritt für diese Uhrzeit doch relativ leer vor der Bühne; die Band hätte mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt.

 

An den folgenden Boiler schieden sich dann die Geister. Während ein gutes Dutzend Grind-Fans total steil ging und einige von ihnen - darunter auch Jehacktet-Fronter Willy - bei einem Song vergnügt die Bühne stürmten, war vielen angesichts des doch sehr primitiven, noch dazu ohne Bass daherkommenden Rumpelgrinds das Unverständnis in die Mienen geschrieben. Fronter Mario konnte mit derben Schwein-auf-der-Schlachtbank-Vocals durchaus beeindrucken und Songtitel wie 'Der Mann umgekehrt proportional zur eisernen Maske' unterstreichen den humoristischen Ansatz der Stuttgarter. Für eine 40-minütige Show zur Abendunterhaltung war das musikalische Angebot dann aber doch etwas zu überschaubar.

Postmortem boten da schon eine viel bessere Show. Kaum zu glauben, dass die Berliner letztes Jahr bereits ihr 20stes Bandjubiläum gefeiert haben! Wer schon auf dem Wacken Open Air und (wie auch dieses Jahr wieder) dem With Full Force die Massen anheizen konnte, kann natürlich auch den Protzen-Hangar gewaltig rocken. Postmortem spielten ihre ganze Routine aus, feuerten Klassiker der Bandgeschichte von 'Screams Of Blackness' und 'Repulsion' genauso gekonnt unters jetzt zahlreiche Volk wie auch neuere Kracher der 2008er-Scheibe 'Constant Hate'. Der Song 'Totmacher' zur Mitte des Sets durfte natürlich auch nicht fehlen. Ein würdiger Co-Headliner und ein guter Warmmacher für Asphyx - deren Gitarrist Paul es dann doch noch rechtzeitg zum Auftritt geschafft hat. Das war knapp und man ließ sogar Postmortem länger spielen (was diese natürlich souverän zu nutzen wussten), um zwischen den Bands keine allzu lange Verzögerung entstehen zu lassen.

 

Dann aber war es Zeit für Asphyx, mittlerweile fast sowas wie die 'Hausband' der Veranstaltung. Die Holländer um den charismatischen Frontmann Martinvan Drunen waren nicht nur der Freitags-Headliner, sondern nach Auffassung der meisten Fans auch der Headliner des ganzen Festivals. Entsprechend war die Halle nach Mitternacht auch rappelvoll. Zu dem grandios groovenden Doom/Death Metal von Asphyx ging dann auch ein derbes Gemoshe los und bildete sich der größte Pit des Festivals. Sehr geil. Schade nur, dass ein paar Idioten ein bisschen zu aggro drauf waren und an zwei, drei Stellen einige Besucher schlichtend eingreifen mussten, um eine gepflegte Prügelei zu vermeiden. Leute, das muss nicht sein und aggressive Penner wie Euch wollen wir nächstes Jahr nicht wiedersehen! Doch dank Asphyx und einem wieder bestens aufgelegten Martin van Drunen (der auch sehr warme Worte für die Veranstalter fand) war es dennoch eine brillante Show, die eine gefühlte Ewigkeit ging. Dem Protzen-Mario wurde dann auch sein Lieblingssong 'Asphyx (Forgotten War)' gespielt. Mit dem grandiosen Triple 'Diabolic Existence', 'Evocation' und 'Black Hole Storm' wurde das manische Publkum schließlich in die Nacht entlassen. Wie immer eine energetische Show von Asphyx, publikumsnah und sympathisch. Martin van Drunen, vorletztes Jahr schon mit Asphyx, letztes Jahr mit Hail Of Bullets am Start, muss wohl demnächst eine neue Band gründen, damit nicht immer die gleichen Headliner auf dem Protzen spielen. Wobei auch ein jährlicher Asphyx-Auftritt kaum jemanden stören würde.

Ein klasse erster Tag mit viel Abwechslung und einem großartigen Headliner, der in der Nacht (wie es sich in Protzen gehört) bei (Classic) Metal Disco am großen Lagerfeuer mit mehr oder weniger sinnvollen Gesprächen und weiteren Bieren einen wunderbaren Ausklang fand.

HIER geht es zum Bericht des zweiten Tages!


 

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Antal
© 06/2010 whiskey-soda.de
 


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