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Judas Priest - In Hamburg sagt man Tschüß

In Hamburg sagt man Tschüß, sang damals Heidi Kabel. Und so machen es auch Judas Priest. Zum Auftakt von sechs Deutschland-Konzerten sind die Heavy-Metal-Veteranen mit ihrer Epitaph-Tournee nach Hamburg gekommen, um sich gebührend zu verabschieden. Wenn es am schönsten ist, soll man bekanntlich aufhören.


Doch bevor Rob Halford zum vielleicht letzten Mal eine Hamburger Bühne betritt, geben sich die reformierten Thin Lizzy die Ehre, leider eine halbe Stunde zu früh. Einige verpassen den Anfang einer hervorragenden Warm-Up-Show. Die Truppe um Alt-Gitarrist Scott Gorham und den mittlerweile langhaarigen Neu-Frontmann Ricky Warwick rockt sich durch ein einstündiges Set aus herrlichen Klassikern, das die 80er-Jahre-Phase allerdings kaum berücksichtigt.

Besonders 'Whiskey In The Jar' reißt die Halle mit und wird lautstark mitgesungen. Priest-Gitarrist Richie Faulkner steht begeistert am Bühnenrand und erlebt, wie Thin Lizzy ihren verstorbenen Ex-Mitgliedern Phil Lynott und Gary Moore 'Black Rose' widmen. Der Finger zeigt nach oben, der Daumen auch. Anschließend verlassen zwei Fans die Halle. Dem verdutzten Ordner erklären sie: 'Die beste Band des Abends haben wir gesehen, das genügt.'

 

Zweifellos waren Thin Lizzy hervorragend, aber der Höhepunkt des Abends steht noch bevor, als der gigantische Epitaph-Vorhang aufgezogen wird. Als der Vorhang fällt, steigt sofort die Party in der nahezu ausverkauften Sporthalle. Im Ledermantel mit Nieten und Stacheln betritt Rob Halford die Bühne und schmettert sofort 'Rapid Fire' und 'Metal Gods'. Während der Metalgott mit roboterhaften 'Tanzbewegungen' über die Bühne schreitet, schießen Stichflammen in die Höhe.

Auch mit 60 Jahren ist Halford in jeder Hinsicht topfit. Bei 'Victim Of Changes' schreit er sich die Seele aus dem Leib, und das gleich mehrfach. Der Song hat auf dem Live-Klassiker 'Unleashed In The East' kaum besser geklungen. Nicht zuletzt deshalb, weil der Sound in der Sporthalle an diesem Abend exzellent ist. Die Riffs donnern nur so aus den Boxen, und neben Veteran Glenn Tipton hat der junge Richie Faulkner viel Spaß neben seinen väterlichen Kollegen.

 

So ziemlich jedes Album ist in der Setlist vertreten. Vom Debüt 'Rocka Rolla' gibt's 'Never Satisfied', vom letzten Werk 'Nostradamus' haben Judas Priest den Quasi-Titeltrack 'Prophecy' im Angebot. 'I am the darkness', singt Rob als Nostradamus mit gesenktem Haupt, verhüllt in einer silbernen Kutte. Mit dem mächtigen 'Night Crawler' zieht erneut ein Metal-Gewitter auf.

Doch die Party erreicht ihren wahren Höhepunkt - mal wieder - mit 'Turbo Lover'. Da stehen auch die alten Hasen auf, die es sich auf der Tribüne bequem gemacht haben. Kann man das schon Tanzen nennen, was da passiert? Auf jeden Fall bleibt beim wohl kommerziellsten aller Priest-Songs niemand ruhig. Anschließend hält Rob Halford ein umjubeltes Plädoyer für den Metal: 'Heavy Metal, Power Metal, Black Metal, Death Metal, Melodic Metal, Progressive Metal ... es ist alles Metal!'

 

Nach 'Beyond The Realms Of Death' kehren Judas Priest noch mal zu 'British Steel' zurück. Halford schwärmt von 1980. 'Es gab neue Musik von Judas Priest, es gab neue Musik von Iron Maiden, von Saxon, von den Scorpions. Großartige Musik!' Das Publikum stimmt mit großem Applaus zu. Und selbst die vielen Anwesenden, die damals noch gar nicht geboren waren, verfallen in Nostalgie.

Dann kündigt Halford einen weiteren Priest-Klassiker in üblicher Weise an. Rob: 'Breaking the what?' Publikum: 'The law!' Rob: 'Breaking the what?' Publikum: 'The law!' Nur um anschließend den Gag des Abends zu lancieren. Er hält das Mikrophon ins Publikum und singt nicht einen einzigen (!) Ton, lässt statt dessen die Menge singen. Das ist Heavy-Metal-Karaoke! Und alle haben Spaß. (Schließlich hat man den Song auch oft genug gehört, oder?)

Schonen muss sich Halford nicht, der sich zwar im Vergleich zu alten Konzertaufnahmen sichtbar anstrengt, der aber markerschütternde Schreie rauspresst. Schreie, die man kaum für möglich gehalten hätte, weil sie so klingen wie früher. Vor ein paar Jahren war Rob Halford noch ein bisschen sparsamer damit umgegangen, jetzt ist das Gegenteil der Fall. Nach der Karaoke kommt allerdings seine größte Herausforderung: 'Painkiller'. Da kommt der Altmeister erstmals an seine Grenzen, sodass es schon fast grotesk klingt. Im Laufe des Songs kriegt er aber noch die Kurve, sodass der 'Painkiller' trotzdem zum Inferno wird.

 

Spätestens beim Beginn der vierfachen Zugabe wird vielen bewusst, dass sie diese fantastische Band möglicherweise gerade zum letzten Mal live erleben. Klassiker wie 'The Hellion/Electric Eye', 'Hellbent For Leather' und 'Living After Midnight' machen den Abschied nicht leichter. Und auch nicht 'You've Got Another Thing Coming', bei dem sich automatisch die Frage stellt: Kommt da vielleich doch noch was? Oder war's das jetzt mit Judas Priest? Ein neues Studioalbum ist zumindest in Arbeit. Und live? Mal abwarten. Viele Bands haben nach einer vermeintlichen Abschiedstournee noch ihre Meinung geändert.

Wenn's am schönsten ist, soll man aufhören. Wenn Epitaph nun wirklich die letzte Tournee war, dann ist das zwar schade, aber dann haben Judas Priest alles richtig gemacht. Das war ein Bühnenabschied im großen Stil.

(Fotos: Philip Dethlefs)


 

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Philip
© 04/2012 whiskey-soda.de
 


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