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Etwas verspätet treffen wir im Huxleys ein, als Radio Havanna gerade zum zweiten Lied ansetzen. Es verwundert gleich, dass der für berliner Verhältnisse relativ große Saal schon so voll von Menschen ist. Liegt es am Mangel an Alternativen, wie zum Beispiel einem Sommergarten, oder einer separaten Lounge, wo man sich sonst noch aufhalten könnte? Nach fünf weiteren Minuten Spielzeit ist uns klar, dass die, für die erste Vorband beträchtliche, Menge tatsächlich für Radio Havanna gekommen ist. Natürlich ist die Bar stark frequentiert, aber so ziemlich alle Menschen im Publikum lauschen aufmerksam der Band, die äußerst lebensfroh und motiviert erscheint. Der Bassist Olli hat anscheinend Spaß daran, wie ein kleines Kind über die Bühne zu hüpfen, was das Fotografieren nicht einfach macht, aber angenehm anzusehen ist. Sänger Fichte und Gitarrist Arni sind da etwas ruhiger drauf, haben jedoch auch sichtbaren Spaß am 'Konzertieren' und Fichte lässt keine Gelegenheit aus, mit dem Publikum zu interagieren. Die Setlist konzentriert sich dabei hauptsächlich auf Tracks vom neuen Album – hat die Band diesen 'Ersatz'-Auftritt für die Riverboat Gamblers auf ihrer Website doch spontanerweise als Teil der 'Alerta'-Tour definiert. Zum Ende des Auftritts, als Fichte in den Fotograben hüpft, um seine Fans aus der ersten Reihe per Handschlag zu verabschieden, kann man ruhigen Gewissens behaupten, dass die Band es wohl geschafft hat die Menschen mit ihrer puren Energie und der tollen Performance für sich zu gewinnen. Und als Skeptiker zu Anfang muss ich eingestehen, dass mich dieser Liveauftritt schon fast zum Fan der Band gemacht hat – manche Lieder hören sich live eben tausendmal besser an, als von der Platte!
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Meine Politiklehrerin hat mir früher immer erzählt, wenn ein charismatischer Staatsmann sein Amt niederlegt, hinterlässt er immer ein Vakuum. So kann man auch die Stimmung beschreiben, als die Radio Dead Ones zu ihrem Auftritt ansetzen. Es ist zwar schon irgendwie interessant und auch ein bisschen putzig, wie die Jungs sich deutlich dem 90er Jahre Nirvana-Grunge, verschrieben haben – so gehören zerfetzte Röhrenjeans, Lederjacke, lange Haare und Sonnenbrille zum Outfit – dennoch übertreiben sie mit ihrer Coolness vielleicht ein bisschen. So tut sich das Publikum bis auf ein knappes Dutzend sichtlich begeistert tanzender Fans schwer, sich mit der Band um Sänger 'Bev' anzufreunden, da unklar ist, ob die Jungs einfach nur sterbenscool oder doch dermaßen routiniert sind, dass sie ihr Ding durchziehen und auch nicht weiter aufs Publikum eingehen, als mit einem halbherzig wirkenden 'Hallo Berlin, wie geht es euch?' Als die Radio Dead Ones fertig sind, ist der Saal jedenfalls schon so gut gefüllt, dass ich nicht mehr so schnell vom Eingang in den Fotograben zu The Bronx komme, wie ich es mir erhofft hatte. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, wie ich nach dem zweiten Lied erfahre: Der Manager der Band möchte keine Fotos, teilt mir ein Security mit. Ein wenig unbegeistert schließe ich daraus, dass die Band wohl schon genug Publicity hat und verlasse mit meiner Kollegin den Konzertsaal, um eine zu rauchen und die Abendstimmung auf dem Hermannplatz zu genießen.
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Als wir wiederkommen, fangen auch schon Flogging Molly zu spielen an, die alle großen Erwartungen erfüllen. Schon nach den ersten Paar Takten im Fotograben spüre ich, wie es mir eiskalt den Rücken runterläuft. Also das Bier, das jemand in der ersten Reihe wohl nicht gut genug festhalten konnte! Voller Energie und Wortwitz geben die Jungs und das Mädl aus den Staaten ein gut austariertes Konzert, bei dem sich schnelle Tanzlieder, langsamere Schunkelsongs und wunderbar irisch humorige Ansagen so elegant abwechseln, dass jeder schwitzt, aber keiner vor Erschöpfung umfällt. Vor dem Dritten Song stellt Dave einigermaßen überrascht fest, dass sich zu Bandshirts wie NoFX und Anti-Flag auch einige Trikots der irischen Fußballnationalmannschaft gesellt haben, woraufhin er zugibt: 'We play Football as fuck, but we can sing!' - und die andere Seite des Geländers so dermaßen anfängt zu kochen, dass ich mich im Fotograben schon mal auf weitere Bierduschen und auch auf den einen oder anderen Schlag auf den Hinterkopf durch Crowdsurfer vorbereite.
Zurück im Publikum sehe ich erst das ganze Ausmaß der 'Revolution', die Flogging Molly grade beginnen: Vor der Bühne tobt ein Moshpit der sich auf ca. 30 Meter im Durchmesser ausgedehnt hat und, ähnlich wie unsere Sonne, immer wieder mit kleinen Energie-Ausbrüchen in Form von gut angetrunken und orientierungslosen Fans die nähere Umgebung des Pits unsicher macht. Auch außerhalb des Pits ist die Menge gut dabei: Es wird getanzt, mitgesungen und wenn Gitarrist Dennis das Publikum zum Mitklatschen auffordert, ist auch in den hinteren Reihen kaum jemand zu sehen, der die Hände nicht oben hat.
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Mit der Zeit und dem steigenden Alkoholpegel verwandelt sich das Huxleys dann gegen Ende des Auftritts in eine Art Bierdschungel – der Boden ist so rutschig, dass die Füße kaum noch Halt finden und in regelmäßigen Abständen tropft von irgendwo Flüssigkeit auf einen, bei der man nicht sicher ist, ob es sich um Bier handelt oder vielleicht doch um kondensierten Schweiß, der von der Decke tropft...
Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass dieses Konzert als episch einzuordnen ist – und ich bin im Nachhinein echt froh, mir reichlich Notizen für diesen Bericht gemacht zu haben, da es bei dieser Hammershow echt frevelhaft gewesen wäre, nicht mitzutrinken!
Setlist von Flogging Molly
1 The likes of you again
2 Swagger
3 Speed of darkness
4 Revolution
5 Life in a tenament square
6 Whistles the wind
7 Saints and sinners
8 Drunken lullabies
9 Requiem for a dying song
10 The power's out
11 The sun never shines (on closed doors)
12 A prayer for me in silence
13 The times they are chargin'
14 Black friday rule
15 Oliver boy
16 Rebels
17 Devils dance floor
18 World alive
19 What's left of the flag
20 Seven deadly sins
21 Worst day
22 Salty dog
23 Float
geschrieben von Erik Tesmer
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