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Maximilian Hecker - Authentisch ist voller Fehler

Es ist der 27. Juli und später Nachmittag, als sich plötzlich der Himmel über Köln verdunkelt und einem praktisch aus dem Nichts heraus Staubstürme um die Ohren fetzen. Der aufgrund dieser untrüglichen Indizien bereits befürchtete, nicht viel später dann natürlich auch folgende Wolkenbruch schwemmt uns durchs Stadtzentrum geradewegs hinein ins Café Lichtenberg, wo wir uns in einer Ecke zu Maximilian Hecker an den Tisch gesellen. Die witzlose Frage, ob denn er das Wetter bestellt habe, sparen wir uns und führen stattdessen eine anständige Begrüßung durch, woraufhin rund 40 Minuten Interview in entspannter Atmosphäre nichts mehr im Wege steht. Wir sprachen mit dem deutschen Experten für ätherische Pophymnen über sein an diesem Tag erscheinendes neues Album, sein druckfrisches Buch, Wirbellose und Steffi Graf.


'Ich hab immer so 'ne märtyrerhafte, grandiose Vision meiner selbst', erklärt Maximilian Hecker. 'Der Isolierte, der gar nicht mehr das Haus verlässt, einen ganz langen Bart trägt, Joghurt- oder Essensflecken am Hemd hat, und unter einem Tremor leidet, irgendwie zwanzig Red Bull am Tag trinkt und dabei zum Autisten geworden ist, der dann also wahrscheinlich für psychisch krank erklärt wird - doch wenn er dann ans Klavier gesetzt wird, dann singt er wie ein Engel. Das ist so die grandiose und, wenn man so will, pubertäre und hyper-romantische Sichtweise. Der Romantiker ist einfach für mich dieser Joghurtflecken-Typ. Der Romantiker hat nicht irgendwie den Künstlerschal umgeworfen und säuselt herum, sondern der Romantiker zittert und hat Joghurtflecken und für ihn gibt es nur eine Möglichkeit, Frieden zu empfinden. Die Musik... oder Kunst im Allgemeinen.' Als wir zwischenzeitlich die Aufnahmefähigkeit des Diktiergeräts überprüfen, und, nachdem dies geschehen ist, wieder neu ansetzen, zeigt sich unser Gesprächspartner grüblerisch in Bezug auf das von ihm selbst erdachte, aber offenbar nicht ganz hieb- und stichfeste Joghurtfleckenmann-Gleichnis. 'Die Frage ist allerdings, warum dieser Autist Joghurt isst', kartet er nach, ' - das müssen wir eigentlich jetzt noch klären.' Da uns aber beiden keine halbwegs vernünftige Erklärung in den Sinn kommt, lassen wir es auf sich beruhen.


Der Maximilian Hecker, der uns gegenübersitzt, hat Kautabak im Mund, ein Bart ist vorhanden, jedoch gestutzt und moderat, und Flecken finden sich auch keine auf seinem Shirt. Seine Hände ruhen entspannt auf der Tischoberfläche. Und doch hat der im ostwestfälischen Bünde bürgerlich aufgewachsene Musiker - wenn auch im übertragenen Sinne - viel mit diesem fiktiven Joghurt-Autisten gemeinsam, wie wir später erfahren werden. Die Momente aber, in denen er sich tatsächlich auch beim Musizieren auf der Bühne und vor Publikum frei fühlt, sind ausgesprochen rar gesät. Es fällt Maximilian Hecker schwer, die Erwartungshaltung der Zuschauer mit seiner eigenen in Einklang zu bringen; die optimale innere Ausrichtung live in der Balance zu halten, gelingt oft nicht. Deshalb entschloss er sich, dem Aufkommen von narzisstischem Ballast, wie er es selber nennt, im Rahmen der Aufnahme und auch der Live-Präsentation seines letzten Albums 'I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son', hartnäckig vorzubeugen. Dass die Hölle der Verwesung verlässlich Gefühl kotzt, hatte er unlängst gelernt. 'Beim letzten Album hatte ich mir ja auferlegt, genau so zu musizieren, wie ich's zu Hause mache. Also in der Jogginghose, und ich hatte noch 'ne Mütze auf. Meine Konzerte spielte ich ohne Setlist und habe häufig begonnen zu spielen, noch bevor das Publikum im Saal war. Um einfach alles zu brechen und dann von vornherein 'über' dem Publikum zu sein', beschreibt er sein Vorgehen. 'Das Problem ist da, du kommst auf die Bühne, und fühlst dich unter dem Publikum, bis du deine Leistung gezeigt hast. Aber solange du die Leistung nicht gezeigt hast, bist du 'ne arme Sau. Und diesen Moment hab ich bewusst vollkommen weggelassen.' Wenn Maximilian Hecker im Verlauf des Konzertes merkt, dass die von ihm abgelieferte Leistung aus seiner Sicht unter keinen Umständen zu Zufriedenheit oder gar Begeisterung im Publikum führen können wird, beginnt er, dem einerseits mit Entschuldigungsansätzen, andererseits mit skurrilen Scherzen und - ultima ratio - Fäkalhumor entgegenzusteuern. Ansonsten hält er es nicht aus, fühlt sich als Versager. 'Es geht darum, dass ich die Erwartungshaltung breche. Es ist ja eine Art von Arroganz, die ich zeige, wenn ich solche komischen, verstörenden Sachen mache, damit ich Macht wieder erlange, die ich nicht fühle, wenn die Augen auf mich schauen und ich genau jetzt etwas leisten soll. Ich muss Macht zurückerlangen, und ich muss auch den Raum öffnen durch diese Verstörung, sodass erstmal alle denken 'Der spinnt!', und warum Elvismaske und so, und in ebendem Moment trickse ich sie aus, beginne ich, ein Stück zu spielen, während alle noch nachdenken.' Um nur ein Beispiel zu nennen, führte Maximilian während seines letzten Köln-Auftritts seinem zwar intensiv lachenden, aber doch reichlich verdutzen Publikum den von ihm so bezeichneten Käfer vor: Er legte sich spontan auf den Boden, streckte alle Viere von sich und zappelte hilflos - wie ein Käfer in Rückenlage das eben so macht. Dies pries er an als die ultimative Masche, garantiert jede Frau für sich zu gewinnen, bevor er unversehens wieder die Finger auf den Tasten hatte, als wäre all das nicht geschehen. Zwecks Verifikation zu Füßen des anderen Geschlechts ausprobiert hat er selbst diese Methode aber nie. 'Das hab ich nicht gemacht, aber das wäre natürlich ein guter Test. Ich hab neulich ulkigerweise in einem chinesischen Musikmagazin gesehen, dass ich den Käfer mal bei so einem Fotoshooting gemacht habe. Und es ist ja so: Wenn du Ulkfotos machst, werden die immer genommen. Immer! Wenn man ein Shooting macht, NIEMALS so (schneidet Grimasse) machen... oder so (schneidet weitere Grimasse) - dann wird das IMMER genommen. Und so war's dann auch in dem Fall.'

 


Hin und wieder kommt es aber auch vor, dass er nichts weiter unternehmen muss, er sich wohl fühlt und sich ohne Weiteres in erhöhter Position wähnt. 'Es gibt aber tatsächlich auch Konzerte, bei denen ich überhaupt nicht so neurotisch bin. Bei denen ich von vornherein die Macht, also die Kontrolle über die Situation empfinde. Ich muss halt zwanghaft Kontrolle haben, und ich fürchte, dass, wenn ich die Kontrolle verliere, man mein wahres Ich sieht, und dann laufen alle aus dem Raum', fügt er hinzu. Demgegenüber kann es wiederum sein, dass das Gegensteuern die Wertschätzung eines aus Hecker-Sicht eigentlich verkorksten Auftritts die ihm vom Publikum entgegengebrachte Euphorie noch zusätzlich anfacht. Der Künstler selbst kann das nicht nachvollziehen und ist sich einer Erklärung nicht sicher. 'Das ist das Absurde: Immer wenn ich Zusammenbruchskonzerte habe und es mir nicht gelingt, und ich mich meilenweit unter dem Publikum fühle, dann scheint mir mein Publikum umso mehr zuzujubeln, weil sie es anscheinend dann noch authentischer finden.'

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Valentin
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